Editha Halfmann: „Kinder nach auffälliger Geburt – das sind 80 Prozent der Neugeborenen – sollten manualmedizinisch untersucht werden.“ Foto: © Archiv Editha Halfmann

Wenn der Moro-Reflex nicht ausgelöst wurde bei der Geburt, sollte er dann künstlich ausgelöst werden? Und sollten auch die anderen Reflexe gegebenenfalls künstlich provoziert werden? Eine frühzeitige manuelle Therapie kann dem Kind helfen.

Birgit Heimbach: Die relativ neue neurophysiologische Entwicklungsförderung nach Dr. Peter Blythe soll helfen, wenn frühkindliche Reflexe bestehen bleiben. Zur Therapie gehören stereotype Bewegungsabfolgen, die ein Kind täglich sehr langsam und so genau wie möglich durchführen soll. Ab welchem Alter sind die Übungen möglich?

Editha Halfmann: Die jüngsten Kinder aus meinem Umfeld waren dreieinhalb Jahre alt. Bei der Therapie nach dem vom Institut für Neuro-Physiologische Psychologie (INPP) in Chester/England entwickelten Behandlungsansatz handelt es sich nicht um eine typische Säuglingstherapie. Sie wurde für Schulkinder entwickelt. Dennoch bemühe ich mich, Reflexe in der Untersuchungssituation, so wie wir es gelernt haben, bei Säuglingen nach problematischer Geburt auszulösen. Für die Eltern ist es manchmal schwer, das zu ertragen, weil die Kinder meistens schreien. Auch glaube ich, dass wir heutzutage so sehr mit der Persistenz, insbesondere des Moro-Reflexes, zu tun haben, weil sich die Erstuntersucher nach Geburt nicht trauen, ihn korrekt auszulösen.

Sollten also Hebammen und Geburtshelfer Ihrer Meinung nach möglichst immer den Moro-Refelx auslösen? Es würde ja nicht zum sanften Stil einer Geburt passen.

Ja, das ist eine Sache, die wir immer wieder diskutieren: Bei einer normalen, optimalen Geburt windet sich das Kind mittels asymetrisch tonischem Nackenreflex (ATNR) und Galant-Reflex durch den Geburtskanal – queroval, längsoval im Durchschnitt mit dem Hinterhaupt voran – dann durchschneidet es den Ausgang, dabei beugt sich das Haupt an der Symphyse der Mutter automatisch über die Schulterebene des Kindes und der Moro-Reflex wird ausgelöst. Und damit ist er ein für allemal stark in Erscheinung getreten, hat den CO2-Reflex etabliert und wohl auch den Auslöser gelegt, den Moro-Reflex wieder verschwinden zu lassen. Kinder, die grünes Fruchtwasser haben, lösen ihn ja noch intrauterin aus, haben aber auf Grund des Platzmangels nicht die Möglichkeit, den Ablauf, wie ich ihn beschrieben habe, zu zeigen. Das war meines Erachtens – unbewusst natürlich – der Grund, dass die Kinder nach der Geburt an den Beinen hochgerissen wurden. Denn damit lösen Sie den Reflex auch aus. Ihr Einwand ist korrekt, aber meines Erachtens muss man einen Mittelweg finden.

Wie wird der Moro-Reflex korrekt ausgeübt? 

Positionierung rücklings auf dem Unterarm des Untersuchers, geführter Abfall des Kopfes in die Hand desjenigen und schon sollten sich Arme und Beine strecken. Ein Aufreißen der Augen, eine Pupillenweitung, ein Spreizen der Finger und ein Schrei oder heftige Ausatmung begleitet das Ganze. Die zweite Phase wird eingeleitet, indem der Kopf vorsichtig nach vorn auf die Brust geführt wird, dann sollten sich Arme und Beine beugen.

Halten Sie auch die sofortige Durchführung der anderen Reflexe für sinnvoll?

Den Landau-Reflex müssten Kinderärzte bei jeder Vorsorgeuntersuchung auf seinen Status hin untersuchen und dadurch versuchen zu integrieren. Für uns stellt es sich so dar, dass die Auslösung des Reflexes eine Prophylaxe für das KiSS-II-Syndrom ist, denn dabei wird der Kopf des Kindes, das bäuchlings auf dem Unterarm des Untersuchers liegt, so weit sanft nach unten zur Brust gebeugt, dass es wie eine manuelle Therapie wirkt. Es wird einfach nicht mehr bewusst gemacht. Man benutzt allenfalls Teile der Untersuchungsfolge nach Vojta, insgesamt wirkt diese auf viele brachial, insbesondere auf die Eltern. Beweisen kann man das alles nicht, aber es sind Phänomene, die man gehäuft sieht, seitdem die Geburt „sanft“ geworden ist und viele Eltern Angst haben, man könne ihrem Kind etwas zuleide tun. Dabei – das ist meine Beobachtung – lachen und quietschen neurologisch gesunde Kinder bei diesen Untersuchungseinheiten. Da es hierzu aber keine Arbeiten gibt und solche Gedanken für vorsintflutlich gehalten werden, nehmen die Dinge ihren Lauf. Vor etwa zehn Jahren habe ich einmal vor Hebammen und Stillberaterinnen gesprochen und die waren erschüttert, erschreckt, ungläubig … Die anwesende Ärztin fragte empört: „Wo haben Sie denn diesen Unsinn her?“ Letzten Endes wurde ich einfach nicht mehr eingeladen. Dennoch sind es gerade die Hebammen, die sehr genau schauen und die Eltern wegweisend beraten, wenn es schon früh zu Problemen kommt.

Zurück zur Therapie des INPP: Der sogenannte „Touch-count“ soll über taktile Stimulation die Aufmerksamkeit des Kindes vor bestimmten Bewegungen erhöhen? 

Der „Touch-count“ dient der Hinwendung der Aufmerksamkeit zu den Reizen. Lernen wird nur möglich durch selektive Aufmerksamkeit. Vor jeder Übung und Wechsel der Position klopfen die Eltern kurz und federnd fünfmal auf den Körper des Kindes, möglichst in der Reihenfolge: rechter Arm, linker Arm, rechtes Bein, linkes Bein, der fünfte „touch“ wird irgendwo in der Mitte des Körpers gesetzt, bevorzugt auf den Schädel oder im Stirn-Nasen-Bereich. Da die Eltern jeweils einen der Finger II bis IV benutzen, profitiert auch ihre eigene Hirnplastizität davon.

Hier kann ja scheinbar auch eine Physiotherapie nach Vojta helfen.

Ja, aber sie ist nach dem ersten Lebensjahr extrem schwierig in der notwendigen täglichen Durchführung.

Es gibt inzwischen viele Säuglingstherapien. Haben Sie einen Überblick über die Anzahl?

Nein, in meiner Praxis kommen hauptsächlich Physiotherapien auf neurophysiologischer Grundlage nach Vojta oder Bobath vor oder die sensorische Integrationstherapie in Anlehnung an die Arbeiten von Jean Ayres. Nicht so weit verbreitet ist die Therapie nach Feldenkrais. Viele Therapeuten wenden immer häufiger osteopathische Techniken an. Dieser Vorgehensweise ohne ärztlichen Auftrag und Kommunikation mit dem behandelnden Arzt stehe ich sehr distanziert gegenüber.

Manche Therapeuten fordern eine manualmedizinische Untersuchung jedes Neugeborenen.

Kinder nach auffälliger Geburt – das sind 80 Prozent der Neugeborenen – sollten manualmedizinisch untersucht werden. Der ukrainische Neuropädiater Alexander Ratner rät bei Störungen, die das Bonding beeinflussen und sich beispielsweise in Schreien oder Stillproblemen manifestieren, frühzeitig manuell zu behandeln. Es sind weitere Kontrolluntersuchungen notwendig, die mindestens bis zur Einschulung die gesetzlichen Vorsorgeuntersuchungen begleiten sollten. Forderung: Jeder Kinderarzt sollte in der Lage sein, die Wirbelsäule manualmedizinisch zu untersuchen und zu beurteilen – ähnlich dem Hüftscreening.

Sollte dann gegebenenfalls eine osteopathische Behandlung oder manualmedizinische Behandlung folgen?

Die osteopathische Therapie möchte Areale, die aufgrund von Problemen in der Schwangerschaft und während der Geburt oder physischen und psychischen Belastungen der Eltern in Disharmonie sind, ins Gleichgewicht bringen. Dies geschieht durch sanfte Berührungen, die primär auf den Blut-, Nerven und Liquorfluss abzielen. Das setzt eine große Empathie und Wahrnehmungsfähigkeit der Behandlerin beziehungsweise des Behandlers voraus. Aber es werden auch Recoil-Techniken – an die Atmung angepasste Impulse auf beeinträchtigte Areale – angewendet, die den manualmedizinischen Techniken ähneln. Bei der manuellen Medizin wird mit Impulsen gearbeitet. Bei Eingriffen an der hochzervikalen Region ist zuvor ein Röntgenbild notwendig, um Fehlbildungen auszuschließen. Ein Impuls ist ein ultrakurzer, schnell ansteigender Schub in eine vorher zu definierende Richtung, der in der Intensität dem Druck auf eine Türklingel entspricht.

Die Interviewte

Editha Halfmann ist Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin sowie Erzieherin mit heilpädagogischer Zusatzqualifikation. Sie absolvierte Weiterbildungen in Naturheilverfahren, Manueller Medizin, Neurophysiologischer Entwicklungsförderung (NDT/INPP) und anthroposophischer Medizin. Seit 1990 ist sie in eigener Praxis in Hamburg tätig. Sie hat vier Söhne.

Zitiervorlage
Heimbach B: Interview mit Editha Halfmann: Ins Lot kommen. DEUTSCHE HEBAMMEN ZEITSCHRIFT 2013. 65 (2): 34–35

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