Prof. Dr. Eva Mildenberger stellt die Referentinnen vor: Dr. Ruth Klein, Dr. Katharina Schmitz, Prof. Dr. Angela Kribs, Irina Schroen, Dr. Monika Berns, Nadine Hamburger und Corinna Jungbluth (von links). Foto: © Birgit Heimbach

In einem ganztägigen Kurs zur Still- und Laktationsmedizin vermittelten Expertinnen aktuelle Erkenntnisse, vertiefende Einblicke sowie praktische Übungen. Für Hebammen war das eine sehr spannende Veranstaltung beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Perinatalmedizin in Berlin.

Auf dem 32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Perinatalmedizin (DGPM), der im Dezember 2025 im Kongresszentrum Estrel in Berlin stattfand, gab es einen ganztägigen Kurs für Still- und Laktationsmedizin. Er wurde empfohlen von der Nationalen Stillkommission und war zertifiziert von der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (GNPI). Koordiniert wurde der Kurs von Eva Mildenberger, Professorin für Neonatologie an der Universitätsmedizin Mainz und Mitglied der Nationalen Stillkommission. Rund zehn Referent:innen aus drei Universitätskliniken hielten Vorträge und begleiteten die praktischen Übungen. Am Kurs nahmen acht Ärzt:innen und drei Hebammen teil.

Eye to Eye

Die Leiterin der Neonatologie Prof. Dr. Angela Kribs von der Uniklinik Köln, ebenfalls Mitglied der Nationalen Stillkommission, erläuterte zunächst die vielen Vorteile des Stillens und der Muttermilch für Mutter und Kind. Sie führte aus, wie wichtig es sei, dieser besonderen Dyade in einer sensitiven Phase ausführliche Unterstützung mit genug Zeit und Raum für ein gegenseitiges Kennenlernen zu geben. Dadurch würden mehr Gehirnregionen der Mütter aktiviert, was sie wie auf Empfang schalte und ihnen eine deutlich höhere Feinfühligkeit ermögliche.

Sie zitierte den einflussreichen britischen Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott (1896–1971): »There is a beautiful interlocking at this early time of mother´s interest in the infant´s eyes and the baby´s ability to interact and to look eye-to-eye« (In dieser frühen Phase besteht eine wunderschöne Wechselwirkung zwischen dem Interesse der Mutter an den Augen des Säuglings und der Fähigkeit des Babys, zu interagieren und Blickkontakt herzustellen). Mütter mit viel Kontakt zu ihren Neugeborenen zeigten im Alter von einem Monat mehr Augenkontakt, mehr beruhigendes Verhalten. Eine Studie aus Thailand habe gezeigt, dass die Rate ausgesetzter Kinder enorm sank, wenn Rooming-In dieses Verhalten ermöglichte.

Dr. Katharina Schmitz, Neonatologin und ärztliche Leiterin der Spenderinnenmilchbank der Universitätsmedizin Mainz, erläuterte die Physiologie der Laktation: Muttermilch sei mehr als nur Ernährung, sondern fungiere als natürliche Medizin. Sie stellte Konzepte zur Stillförderung vor, die im Rahmen des Innovationsfondsprojekts Neo-Milk entwickelt wurden und an ihrer Klinik in Mainz praktiziert werden.

Neo-Milk ist ein 2024 beendetes wissenschaftliches Forschungs- und Versorgungsprojekt, das vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) gefördert wurde, um die Stillförderung zu verbessern. Das Team von Projektleiterin Prof. Dr. Nadine Scholten unterstützte mit dem Konzept Hebammen, Pflegekräfte und Ärzt:innen, um das Stillmanagement auf neonatologischen Intensivstationen in zehn Perinatalzentren zu fördern. Das Ziel von Neo-Milk war, das Outcome von Frühgeborenen durch die Ernährung und Versorgung mit humaner Milch zu verbessern. Dies beruhte auf zwei Säulen: 1. strukturierte Still- und Laktationsförderung und 2. Etablierung von Humanmilchbanken.

Schmitz war wie Kribs an der Entwicklung des Stillförderkonzepts und des Infomaterials für die Eltern beteiligt. Der Einsatz des Versorgungskonzeptes wurde wissenschaftlich begleitet. Offen sind noch letzte Abschlussberichte von Neo-Milk.

Lacto-Engineering

Schmitz stellte heraus, dass sich Muttermilch automatisch auf die Bedürfnisse der Früh- und Neugeborenen ausrichte. Sie zeigte auch, dass sich Lakatationsmedizin immer weiterentwickelt. Dazu gehöre die gezielte »künstliche« individuelle Unterstützung der Anpassung der Muttermilch – etwa in der Intensivmedizin – an die Bedürfnisse des Neugeborenen, speziell eines Frühgeborenen durch Lacto-Engineering. Optimiert werden könne etwa der Nährstoffgehalt, insbesondere der Energie- und Proteingehalt.

Auch Hebammen und Stillberater:innen nutzen eine Lacto-Engineering-Methode, wenn sie gezielt die fettreichere Milch am Ende einer Stillmahlzeit (Hintermilch, Hindmilk Collection) gewinnen, um diese einem Säugling zuführen zu können.

Fortifikation

Heute verfügen vielen Kliniken über gute Möglichkeiten, die Muttermilch zu analysieren, so dass sie den Bedürfnissen des Kindes entsprechend angereichert werden kann (adjustible/targeted Fortifikation). Die Milch kann durch Zentrifugation oder durch Abschöpfen nach längerer Kühlung auch entrahmt werden (skimmed Milk), beispielsweise wenn ein Neugeborenes aufgrund bestimmter Stoffwechselstörungen langkettige Fette nicht verträgt. Da in diesem Fall dem Kind nicht genug Kalorien zur Verfügung stehen, wird die Milch mit mittel­kettigen Fettsäuren (mittelkettige Triglyzeride), Eiweiß und Vitaminen angereichert.

Schmitz hob die Bedeutung der Gabe von Kolostrum hervor: Es stabilisiere den Blutzucker besser als eine Glukoselösung, obwohl Kolostrum gar nicht so viel Glukose enthalte. In den ersten 48 Stunden (Kolostrumphase, frühe Laktogenese II) gelte: acht bis zehn Mal in 24 Stunden anlegen, davon ein bis zwei Mal nachts. Beim Abpumpen solle darauf geachtet werden, dass der Durchmesser des Pumptrichters etwa zwei MiIlimeter größer ist als der der Mamille.

Dr. Ruth Klein, Neonatologin der Uniklinik Köln, sprach über Strategien der Stillförderung. Wichtig sei eine engagierte Haltung des Teams und dass es aus einem Mund spreche. Beim Stillen würden viele Probleme wie unter einem Brennglas zu Tage gefördert. Ein Dienst nach Vorschrift führe nicht zum Ziel. Wichtig sei ein guter Beziehungsaufbau zwischen Personal und Mutter, denn es handle sich um ein Heilbündnis, eine Beziehung von Mensch zu Mensch, das über Vertrauen funktioniere. Man müsse mit Empathie und Echtheit seine Arbeit verrichten. Es sei wichtig rechtzeitig Still- und Laktationshindernisse zu erkennen und entsprechend Mutter und Kind zu unterstützen. Natürlich müsse für so einen hohen Grad des Engagements der Station genug (wo)man-Power zur Verfügung stehen, die Ausrüstung müsse auf hohem Niveau sein.

Alle zwei bis drei Stunden sei Milking Time: Je früher man damit anfange, desto besser. Und möglichst ungestört. Egal wie schwer das Kind sei, auch wenn es sich um ein Frühgeborenes handele, müsse das parakrine System in der Brust so stark aktiviert werden, dass genug Rezeptoren für Prolaktin angelegt werden. In den ersten sieben bis zehn Tagen müsse daher unbedingt eine Produktion von 500 ml erreicht werden.

Milking Times

Die drei Phasen der Laktation:

  • Laktogenese I: Bildung der Strukturen im Brustdrüsengewebe in der Schwangerschaft und Bildung von Kolostrum.
  • Laktogenese II: Bildung der Strukturen im Brustdrüsengewebe – vor allem der Pro­laktinrezeptoren – bis 4 Tage (96 Stunden) nach der Geburt, Bildung von Kolostrum und nachfolgend der Milch. Wichtig sind regelmäßige Kolostrum- und Milchent­nahmen.
  • Laktogenese III: Für die Erhaltung der Laktogenese sind regelmäßige Milchentnahmen nötig.

Klein erklärte, warum es so wichtig ist, das Kolostrum zu nutzen: Dann seien beispielsweise noch die Zellverbindungen im Darm offen und die Immunglobuline, in erster Linie Immunglobuline A (IgA), können noch hindurchwandern. Bei Kälbchen und Lämmern sei dies noch wichtiger, denn sie bekämen auch das Immunglobulin G (IgG) über das Kolostrum. Sie würden sterben, wenn sie kein Kolostrum bekämen. Beim Menschen sei dies nicht so gravierend, denn die IgG würden in den letzten zwölf Wochen der Schwangerschaft über die Plazenta weitergegeben.

Praktische Übungen

In Rollenspielen konnten die Teilnehmer:innen verschiedene Gesprächssettings ausprobieren, etwa als verunsicherte Mutter eines Frühgeborenen, als überforderter Vaters oder als Stillberaterin, die eine unmotivierte Mutter über die Vorteile des Stillen aufklärt. Im Laufe des Tages wurde immer wieder deutlich, wie wichtig geschultes Personal für den Stillerfolg ist.

Mit IBCLC-zertifizierten Stillberaterinnen (International Board Certified Lactation Consultants) folgten praktische Schulungen. Viele Stillpositionen wurden ausprobiert. Zu erfahren war: Man sollte nicht nur bei den Erstgebärenden Hilfestellung anbieten, auch bei Mehrgebärenden gebe es immer wieder Korrekturbedarf, beispielweise der Stillpositionen. Man sollte zu diesem Zweck auch schauen, wie die Brust fällt. Eine große Brust könne man eventuell unterpolstern, weil sonst die Mamillen zu stark nach unten zeigen würden.

Die richtige Anlegetechnik sei enorm wichtig, um wunde Mamillen zu vermeiden. Die Mutter solle auf frühe Hungerzeichen achten, eine bequeme Stillposition finden und auf Zeichen eines effektiven Stillens achten, beispielsweise ob das Kind schluckt. Wenn sich beispielsweise Grübchen bilden wie beim Trinken mit dem Strohhalm, dann fehle die Melkbewegung eventuell aufgrund eines zu kurzen Zungenbandes – dann habe das Kind nichts zum Schlucken.

In Sonografie-Videos lässt sich die Bewegung der Zunge des Säuglings beim Stillen beobachten.

Quelle: © Geddes et al. (2016). J hum Lact.;32:340–349

Anhand von Fotos wiesen die Expertinnen vermehrt daraufhin hin: Damit das Stillen effektiv ist, sollten Kinn und Nase des Kindes die Brust berühren, zum Atmen reiche ein Spalt von einem Millimeter aus. Sollte das Kind aufgrund einer anstrengenden Geburt sehr schläfrig sein, helfe es beispielsweise, die Hände und Füße zu massieren und das Kind laut anzusprechen. Ist das Wecken erfolglos, sollte man eine Kolostrummassage machen, entleeren und sofort verfüttern, nach zwei bis drei Stunden das Prozedere wiederholen. Zur Not müsse man pro Tag acht Mal Pumpen und jeweils Handentleeren, damit die Milchproduktion zur Genüge in Gang kommt.

Wenn die Windeln regelmäßig nass sind, bekommt das Kind genug Milch. Das gelte auch für noch unreife Kinder. Ab 32 Schwangerschaftswochen haben die Kinder genug Muskelspannung und können effektiv saugen und schlucken. Wenn es nicht möglich ist, zwei Stunden nach der Geburt das Kind effektiv anzulegen, müsse die Hebamme die Mutter anleiten, die Brust mit der Hand zu entleeren, zu pumpen und direkt zu verfüttern.

Die Expertinnen gingen auf viele Besonderheiten ein: Manche Kinder mögen es nicht, wenn sie am Kopf angefasst würden, eventuell nach einer Saugglockengeburt. Bei Zwillingen könne das Ziel sein, die beiden Kinder gleichzeitig zu stillen. Auch Kinder mit Herzfehlern dürften heutzutage in der Regel gestillt werden.

Stillmentorinnen

2010 fing man in der Charité mit der Stillmentorinnenausbildung an, was bedeutet, dass das Stillen hochprofessionell begleitet wird. Mit dem Konzept der Mentorinnen, von denen es nun an der Charité viele gebe, spare man im Vergleich zum teuren Zertifikat »babyfreundliches Krankenhaus« viele Kosten, so Dr. Monika Berns, die seit 2003 an der Charité als Oberärztin in der Neonatologie tätig ist. Seit einigen Jahren können sich dort auch Klinikexterne in einem dreitätigen Stillmentor:innen-Kurs fortbilden (siehe Link). Zu erfahren sind dort auch einige Standards der Charité. Bei wunden Brustwarzen wird beispielsweise empfohlen, diese mit 0,9-prozentiger NaCl-Lösung zu reinigen, den Fibrinbelag abzuwischen, vorübergehend »Wiener Donuts« zu benutzen oder Hydrokolloid-Pads und Lanolin-Salbe aufzutragen.

Am Nachmittag folgte ein Vortrag der Neonatologin Berns, die auch im Stillmentor:innen-Kurs unterrichtet und Mitglied der Nationalen Stillkommission ist. Sie wies daraufhin, dass es wichtig ist, dass ein Neugeborenes zunächst abnimmt. Es müsse Wasser ausscheiden, um in die Euhydration zu kommen. Der Gewichtsverlust sollte aber in den ersten drei Tagen (bis 72–96 Stunden nach der Geburt) nicht mehr als 7 % des Körpergewichts betragen. Immerhin hätten jedoch 25 % der Frauen eine verzögerte Lakatation II (etwa bei Adipositas, nach Sectio, Stress, Apgar-Score des Kindes unter 8, Zufütterung in den ersten 48 Stunden).

Berns führte eine Erhebung aus Kroatien an, bei der es nur bei 24 % der Kinder eine medizinische Indikation für das Zufüttern gab. Diese Indikationen seien etwa Dehydration, krankes Neugeborenes oder Hypogalaktie. Ab 10 % Gewichtsverlust müsse man auf Zeichen einer Dehydierung achten, etwa hohe Natriumwerte im Blut identifizieren, um dann gegebenenfalls zuzufüttern.

Auch Grundlegendes der Physiologie erläuterte sie: Die Brustwarze der Mutter reiche beim Stillen bis zum Übergang vom harten zum weichen Gaumen des Kindes. Das Kind sauge sich zwar fest, aber die Brust werde vor allem durch die Zunge gemolken. Dabei hätten die Sinus lactiferi, die kleinen Aussackungen der Ductus lactiferi unterhalb der Mamille, eine wichtige Funktion. Eine kurze Diskussion entspann sich am Rande rund um diese anatomische Einheit, weil es in IBCLC-Kreisen erstaunlicherweise üblich ist, diese Struktur als nicht vorhanden anzugeben. Diese Info werde aus den USA übernommen, wo sich der Hauptsitz vom International Board of Lactation Consultant Examiners (IBlCE, IBCLC-Kommission) befindet.


Link

Fortbildung zur Stillmentor:in im Krankenhaus, 16.–18. September 2026, Charité Fortbildungsakademie:
> https://akademie.charite.de/fortbildungen/fachlich_ueberzeugen/stillmentorin_bzw_stillmentor_im_krankenhaus

Zitiervorlage
Heimbach, B. (2026). 32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Perinatalmedizin: Stillen für Fortgeschrittene. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 78 (5), 74–77.