Häuserwand in Berlin: Eine Botschaft kann positiv oder negativ wirken. – Wie die Hebamme im Geburtsvorbereitungskurs beispielsweise über Geburt spricht, prägt die Einstellung der Frau und damit das Gebären. Foto: © imago/Chromorange
Eine der häufigsten Klagen von Hebammen, die mir in meinen Fortbildungen zu Geburtsvorbereitung und Geburtsbegleitung begegnet, ist die, dass viele Frauen heute immer weniger Vertrauen in ihren Körper hätten und nicht sehr motiviert seien, aus eigener Kraft zu gebären – oder es wenigstens zu versuchen. Manchmal, so die Kolleginnen, erscheine es fast so, als nehme ein Teil der Frauen ihren Körper weniger als wertvollen, kompetenten Teil ihrer selbst oder als Verbündete wahr, sondern eher als von sich getrenntes Objekt, als – fehlerhafte – Maschine. Geburt sei dann auch kein natürlicher Vorgang mehr, sondern werde als gefährlicher, gar als feindlicher Akt verstanden. Die medizinisch geprägte ärztliche Mutterschaftsvorsorge und diverse Risikoaufklärungen in der Schwangerschaft unterstützen diesen Eindruck leider oft. Was können Hebammen dem entgegensetzen?
Handwerkszeug Sprache
Die Geburtsvorbereitung ist ein guter Rahmen, in dem Hebammen den Frauen wieder ein wenig mehr Vertrauen und Zuversicht in sich selbst, den eigenen Körper und den Geburtsprozess vermitteln können. Hebammen sind hier nach wie vor gefragte Expertinnen, und ihr Wort hat Gewicht. Eines der zentralen Handwerkszeuge von Hebammen im Geburtsvorbereitungskurs ist die Sprache. Worte können aufbauen, trösten, Mut machen oder anspornen, aber auch entmutigen, ängstigen und demotivieren. Hebammen, die eine Ausbildung in einem medizinischen Rahmen mit einem entsprechenden Wortschatz erlernt haben, verlieren mitunter aus dem Blick, dass bestimmte in der Geburtshilfe übliche Begriffe und Schilderungen für „Laien“ irritierend oder sogar erschreckend wirken können. So kann eine Hebamme in einem Kurs vermeintlich „sachlich“ den Geburtsprozess schildern, ihre Beschreibung wirkt sich jedoch immer auch emotional aus. Wenn Sie sich vorstellen, als Schwangere von einer Fachfrau etwas über die Geburt zu hören, wie würde beispielsweise folgende fiktive Schilderung, ähnlich dem, wie ich es selbst gelernt habe und von den Kolleginnen höre, auf Sie wirken?
„Die Geburt beginnt meist mit dem Einsetzen der Wehen. Wehen sind ein krampfhaftes Zusammenziehen der Gebärmutter, die das Kind gegen den inneren Muttermund schieben, um ihn zu öffnen. Der Bauch wird hart und es tut ähnlich weh wie ein Regelschmerz, nur viel viel schlimmer. Manchmal zieht der Schmerz auch in den Rücken oder in die Beine. Anfangs kommen die Wehen nicht so oft und unregelmäßig, aber mit der Zeit werden sie häufiger und auch schmerzhafter. Dann können Sie die Wehenatmung nutzen, die wir hier noch üben müssen, um den Schmerz zu verarbeiten. Wenn die Wehen stärker werden, schüttet der Körper Endorphine aus, die den Schmerz lindern. Wenn auch das Atmen oder die Massagen nicht mehr helfen und Sie es nicht mehr aushalten, können Sie zur Schmerzerleichterung auch eine rückenmarksnahe Narkose bekommen.“
Wie wirkt dieser Text auf Sie? Welche Gefühle oder inneren Bilder entstehen? Worauf wird Ihr Geist dabei fokussiert?
Diese Beschreibung erklärt mit einfachen Worten, was zu Beginn der Geburt und in den Wehen geschieht. Vielleicht nutzen Sie selbst andere Worte. Lassen Sie uns dennoch exemplarisch genauer schauen, wie viele neutrale, wie viele positive und wie viele negativ konnotierte relevante Worte sie enthält. Die Einteilung der relevanten Worte ist vermutlich für jeden Menschen etwas anders, je nachdem, was der oder die Einzelne mit den Begriffen verbindet. Bei dem Begriff „rückenmarksnahe Narkose“ können beispielsweise sehr unterschiedliche Bewertungen impliziert sein, je nach Kontext und Vorerfahrung. An sich ist dies ein sachlicher Begriff für eine medizinische Intervention. Für einen Menschen mit einer starken Angst vor Spritzen könnte es aber ein negativ konnotierter Begriff sein. Auf Frauen, die eine große Angst vor den Wehen haben, wirkt er dagegen vielleicht sehr positiv. Nehmen wir die folgende Einteilung daher nur als ein Beispiel: Die negativ wirkenden Begriffe überwiegen die neutralen und besonders die positiven bei Weitem. Vermutlich wirkt die Schilderung eher ernüchternd bis bedrückend. Auch wenn „Wehen“ tatsächlich meist ausgesprochen schmerzhaft sind, gibt es dennoch eine große individuelle Bandbreite des Erlebens und dessen Bewertung. Die 1986 verstorbene Heilgymnastin und Geburtsvorbereiterin Ruth Menne hatte dazu den Begriff der „Welle“ anstelle des Wortes „Wehe“ eingeführt, der mehr die Kraft und das Rhythmische der Gebärmutterarbeit betont (Heller 1998).
Den Blick verändern
Die Hebamme als Kursleiterin könnte also beispielsweise auch bewusst den Blick der Frau oder des Paares auf die Kraft und Sinnhaftigkeit der Gebärmutterkontraktionen lenken, darauf, dass die Frau dazu in der Lage ist, diese zu bewältigen. Versuchen wir einmal, den Geburtsprozess mit einer anderen, positiveren Gewichtung zu erklären.
„Am Anfang stimmt der Körper sich und das Kind allmählich auf das Gebären ein. Sie werden spüren, wie die Gebärmutter ihre Arbeit beginnt und wie dabei hin und wieder der Bauch fest wird. Die Hormone, die diese Wellen von Gebärmutterkontraktionen anregen, machen den Muttermund und die Muskeln und Gelenke im Becken weich und geschmeidig. So bereiten sie den Geburtsweg darauf vor, sich zu öffnen. Nach einiger Zeit werden diese Wellen regelmäßiger und effektiver. Sie spüren das vielleicht nicht nur im Bauch, sondern auch im Rücken oder in den Beinen. Ihr Körper reagiert intuitiv auf diese innere Arbeit und lässt Sie tiefer und kräftiger atmen. Der Schmerz, der die Kontraktionen begleitet, sorgt dafür, dass sie sich ganz auf sich selbst und auf diese Arbeit konzentrieren. Wenn sie mehr Unterstützung dabei brauchen, dann können Sie bestimmte Atemmethoden nutzen, die wir hier noch ausprobieren werden. Ihr Körper hilft Ihnen mit dem körpereigenen Schmerzmittel, den Endorphinen. Die Hebamme, Ihr Partner oder eine andere Begleitperson können Sie mit Massagen und anderen Methoden unterstützen, die Sie hier noch kennenlernen werden. Der Körper leistet bei der Geburt Enormes. Er bringt Sie vielleicht an Ihre Grenzen, aber er lässt Sie auch über sich hinauswachsen. Er wird Ihnen in jedem Moment Signale geben, wie Sie sich bewegen oder halten können, damit es leichter wird. Vermutlich werden Sie, Ihr Körper und das Baby diese Arbeit gemeinsam mit Ihrem Partner und der Hebamme aus eigener Kraft bewältigen können. Für alle Fälle gibt es sonst aber auch noch andere Mittel, wie die rückenmarksnahe Narkose.“ Wie wirkt dieser Text auf Sie? Welche Gefühle oder inneren Bilder entstehen? Worauf wird Ihr Geist dabei fokussiert? Auf den ersten Blick fällt auf, dass der Text mit 251 Wörtern deutlich länger ist als der erste, der mit 131 Wörtern auskommt. Eine Zuordnung der relevanten Wörter aus diesem Beispiel könnte so aussehen:
Um komplexe Vorgänge wie eine Geburt bildreich und positiv zu beschreiben, sind kurze markante Sätze und Substantive weniger geeignet. Sie reduzieren das Beschriebene scheinbar auf Fakten, wirken dabei aber auch hart und unpersönlich. Da das Bewältigen der Geburt jedoch gerade die seelische Seite, eine positive innere Einstellung und Zuversicht in den Prozess und die Begleitenden erfordert, braucht es auch eine entsprechend persönliche, zuversichtliche Sprache. Diese kann wie ein Placebo oder wie eine Art „Gegengift“ gegen ängstliche Gedanken wirken. Ohne sie zu verharmlosen, wird der Fokus nicht auf die Schmerzen, sondern konsequent auf die eigenen Möglichkeiten und die positiven Aspekte des Gebärens gelenkt.
Innere Umstimmung durch Affirmationen
Die Wirkung verbaler Placebos machen sich auch sogenannte Affirmationen zunutze. Dies sind ausgewählte positive Sätze, die wie ein mentales Training für die Seele immer wieder gelesen oder innerlich oder durch den Partner wiederholt werden. Sie stellen ein dauerndes Gegengewicht zu angst- oder stressbesetzten Gedanken her. Erstgebärende haben beispielsweise durch Medien, Fachleute oder das familiäre Umfeld häufig einen inneren Glaubenssatz wie: „Die erste Geburt ist meist sehr langwierig“ erlernt. Wenn sie in den damit verbundenen Befürchtungen verharren, wirkt das eher entmutigend und kann den Verlauf der Geburt schlimmstenfalls sogar negativ beeinflussen. Stattdessen kann eine Schwangere sich mit der Wiederholung einer Affirmation wie, „Die Geburt wird so lange dauern, wie es gut und notwendig ist“, in eine eher annehmende und zuversichtliche Grundstimmung versetzen.
Affirmationen sind eine Möglichkeit, negative Grundhaltungen in der Geburtsvorbereitung bewusst in positive, produktive innere Sätze umzustimmen – und damit vielleicht etwas von den vorhandenen Ängsten und der inneren Spannung abzubauen. So kann die Hebamme im Kurs eine Reihe geeigneter vorgegebener Sätze anbieten, die beispielsweise auf Postkarten oder bunten Blättern notiert wurden. Die Kursteilnehmerinnen dürfen eine oder mehrere für sich danach auswählen, ob sie sich angesprochen fühlen (siehe Kasten). Es ist auch möglich, eine – etwa zum Thema des Abends passende – Affirmation für jeden Kursabend als Eingangssatz vorzulesen und ihn zum Abschluss noch einmal zu wiederholen. Zeitaufwändiger, aber lohnenswert kann es auch sein, wenn die Teilnehmenden als Paar oder in Kleingruppen die eigenen vorhandenen negativen Denksätze über die Geburt herausfinden – und dann eigene positive Affirmationen entwickeln, aufschreiben und nach Hause mitnehmen. Methoden wie das HypnoBirthing schulen die Partner, eine oder wenige kurze Affirmationen in der Schwangerschaft und während der Geburt ihrer Partner immer wieder mit leiser Stimme vorzusagen wie ein Mantra und sie dabei auf dem positiven Fokus zu halten. Manche Hebammen nutzen selbst eine Art Affirmationen in der Geburtsbegleitung, wie: „Ist alles gut.“, „Das geht wunderbar voran.“ Oder: „Du schaffst das.“
Für die Geburt können Affirmationen, wenn sie der Frau passend erscheinen, eine Gegenstimme zu den eigenen oder fremden negativen, pessimistischen oder sorgenvollen Stimmen sein, und anstelle von Angst, Sorgen und Enge können Weite, Zuversicht und Optimismus gefördert werden.
Beispiele:
Mein Körper ist stark und gesund.
Mein Körper kann gebären.
Mein Körper ist wunderbar dafür gemacht, aus eigener Kraft zu gebären.
Ich bin stark und vertraue auf meinen Körper.
Der Weg ist das Ziel.
Schritt für Schritt komme ich voran.
Ich habe Vertrauen in meinen Körper.
Ich habe Vertrauen in mich und mein Kind.
Ich bin offen für das Kommende.
Ich vertraue dem Prozess des Lebens.
Ich vertraue und lasse los.
Ich werde gehalten.
Ich bin mit dem Leben verbunden.
Alles wird gut werden.
Ich werde die Unterstützung bekommen, die ich brauche.
Ich kann diese Herausforderung meistern.
Ich werde meine Wünsche äußern und Hilfe bekommen.
Ausblick
Hebammen sollten sich heute – nicht nur für die Geburtsvorbereitung – auch darüber austauschen, welche ansprechenderen Begriffe sie verwenden könnten anstelle der medizinischen, wie „Eröffnungsphase“ und „Austreibungsphase“, „Blasensprengung“, „Einschneiden des Köpfchens“, „Dammriss“, „Schamlippen“ oder „Presswehen“.
Allerdings ist nicht nur die Auswahl der Worte entscheidend für die Wirkung auf die Kursteilnehmenden. Auch will gut überlegt sein, welche Informationen überhaupt in den Geburtsvorbereitungskurs hineingehören und wie ausführlich diese besprochen werden sollten.
Hinweis: In einer der nächsten Ausgaben der DHZ wird Tara Franke die Inhalte eines Geburtsvorbereitungskurses – und die Art, diese zu kommunizieren – betrachten.
www.positivebirth.at/shop/positive-birth-originals/positive-birth-affirmationskarten/.
