Prof. Dr. rer. nat. Gerd Antes ist Mathematiker. Seit zwei Jahrzehnten ist er eine feste Größe in der Arbeit der Cochrane Collaboration und der Evidenzbasierung - international und in Deutschland. Foto: © privat

Wissenschaft und die daraus entstandenen Kenntnisse werden in unserer Gesellschaft zu einer immer wichtigeren Grundlage für Entscheidungen. Das gilt für alle Anwendungsbereiche – und so auch in der Geburtshilfe. Verstöße gegen das Wissen können vermeidbare Krankheiten oder sogar Schädigung und Tod für Gesunde und PatientInnen nach sich ziehen. Unter dem Schlagwort Evidenzbasierung werden deshalb diagnostische und therapeutische Verfahren auf der Grundlage von hochwertigen Studien bewertet. Geleistet wird die globale Suche und Zusammenfassung durch sogenannte systematische Übersichtsarbeiten, die heute für Entscheidungen unentbehrlich sind.

Damit diese Bewertung nicht systematisch verzerrt wird (publication bias), ist es notwendig, dass die Information aus allen Studien weltweit vollständig zugänglich und nutzbar ist. Umso erstaunlicher ist es, dass auch heute im Jahr 2016 – mitten im Informationszeitalter – etwa die Hälfte aller begonnenen Studien nicht in die Öffentlichkeit gelangt. Das wäre nur eine ungeheure Verschwendung, wenn die Auswahl dieser nicht publizierten Studien zufällig wäre. Genau das ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr ist ein entscheidender Faktor für die erfolgreiche Publikation, dass das Studienergebnis der optimistischen Erwartung gerecht wird, also „positiv” ist. Entsprechend bleiben „negative” Ergebnisse eher in der Schublade. Der Gesamteffekt dieser Schieflage ist chronischer Überoptimismus: einerseits die Überschätzung der Wirksamkeit einer Intervention von bis zu 40 Prozent oder mehr, andererseits jedoch die Verharmlosung der Risiken.

Diese systematische Schieflage ist seit Jahrzehnten bekannt und durch eine Fülle empirischer Studien belegt. Sie bedeutet eine verzerrte Basis sowohl für die Erstattungsfähigkeit durch die Krankenkassen wie für klinische Leitlinien und Patienteninformationen. Umso weniger nachvollziehbar ist die Toleranz gegenüber diesem Missstand von Seiten fast aller Beteiligten. Von Krankenkassen bis hin zur Ärzteschaft zeigt niemand Interesse an substanzieller Besserung. Ähnlich bei der Wissenschaft: Forschung, die nicht kommuniziert wird, hat quasi nicht stattgefunden. Gerade Ethikkommissionen und Förderer müssten alarmiert sein und nach praktikablen Lösungen suchen, was jedoch nicht geschieht. Die offensichtlichen ethischen und ökonomischen Auswirkungen fehlender Transparenz sind scheinbar nicht gravierend genug, um entschlossenes Gegensteuern auf politischer und institutioneller Ebene zu bewirken.

Ein organisatorisches Gegenmittel ist die barriere- und kostenfrei zugängliche Registrierung klinischer Studien vor Beginn. Durch eine solche „Geburtsurkunde” wird zwar nicht die Publikation sichergestellt, sehr wohl jedoch das spurlose Verschwinden nach Studienbeginn unmöglich gemacht. Diese relativ preiswerte Maßnahme hat zu einem weltweiten Netzwerk von Studienregistern geführt, das unter Leitung der WHO die laufenden Studien national beim Deutschen Register klinischer Studien (drks.de) erfasst und auf einem gemeinsamen Portal zusammenführt (who.int/ictrp).

Ein großer Teil der empirischen Nachweise und politischen Entwicklungen ist untrennbar verbunden mit der Cochrane Collaboration als treibende Kraft (cochrane.org), die an der Eindämmung von Fehlerursachen durch statistische Verzerrung maßgeblich beteiligt ist.

Und hier schließt sich der Kreis zur Welt der Geburtshilfe: Cochrane hat seine Ursprünge über 40 Jahre zurück in der wissenschaftlichen Bewertung von geburtshilflichen Maßnahmen. Ein offensichtlicher Beleg ist das Logo von Cochrane, das die Studienlage bezüglich einer präventiven Corticosteroid-Gabe zur Stärkung der Lungenfunktion bei drohender Frühgeburtlichkeit darstellt. Nicht nur aufgrund dieser Historie sollten auch die deutschen Hebammen die Stärkung der Evidenzgrundlagen und die konsequente Berücksichtigung wissenschaftlicher Grundprinzipien aktiv unterstützen! Hebammen sind aufgerufen zu forschen und nach verschwundenen Studien zu fahnden, um neue Studienergebnisse in der Praxis berücksichtigen zu können.

Zitiervorlage
Antes G: Die Hälfte aller Studien landet in der Schublade. DEUTSCHE HEBAMMEN ZEITSCHRIFT 2016. 68 (8): 1

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