Afroamerikanische Frauen berichten, dass sie seltener ihre selbst gesteckten Stillziele erreichen und eine »Stilltrauer« daraus entwickeln. Foto: © Seventyfour/stock.adobe.com
Afroamerikanische Frauen erreichen im Vergleich zu Frauen ohne lateinamerikanischen Hintergrund seltener ihre selbst gesteckten Stillziele. Dies kann ihre psychische Gesundheit negativ beeinflussen. Diese Frauen stillen und trauern – sie durchleben eine »Stilltrauer«. Psychosoziale Unterstützung kann schwer vermittelt werden, da das zugrundeliegende Phänomen bislang nicht ausreichend erforscht wurde. Kürzlich wurde eine qualitative Studie in Utah (Salt Lake City, USA) mit dem Ziel durchgeführt, »Stilltrauer« unter Afro-amerikanischen Frauen besser zu verstehen.
Eingeschlossen wurden 16 afroamerikanische Frauen mit Stilltrauer, die per Zoom-Call anhand semistrukturierter Interviews zu ihren Erfahrungen befragt wurden. Die Antworten wurden thematisch analysiert.
Fünf Themen
Die Datenauswertung zeigte fünf Themen auf:
- Stillen funktioniert nicht wie geplant
- »Darum trauern wir«
- »Weil wir trauern«
- »Wir wollen verstehen«
- Ergänzende Wahrnehmungen
Stillen funktioniert nicht wie geplant
Obwohl viele Frauen ursprünglich zum Teil enthusiastisch stillen wollten, erlebten sie vielfältige Schwierigkeiten, die sie dann daran hinderten, ihr selbstgestecktes Zeil zu erreichen. Neben Schmerzen wurde die fehlende Milchmenge von den Frauen genannt: »Ich musste circa zwei bis drei Wochen nach ihrer Geburt aufhören sie zu stillen, weil mein Körper nicht genug Milch produzierte.« (P4)
»Darum trauern wir«
Frauen erlebten emotionale innere Kämpfe, anhaltende emotionale Konflikte sowie Faktoren, die ihre Emotionen verschlimmerten oder abmilderten. Frauen beschrieben ihre Emotionsvielfalt mit wütend, demotiviert, depressiv, enttäuscht, entmutigt, mental herausfordernd und ängstlich. Sie wussten manchmal selbst nicht, warum sie trauerten. Eine Frau beschrieb: »Ich fühlte mich sehr, sehr traurig. Ich fühlte mich schuldig.« (P19)
»Weil wir trauern«
Frauen beschrieben, dass ihre Stilltrauer Konsequenzen für sie und ihr Kind hatte. Eine Frau beschrieb, dass Stilltrauer ihre Beziehung zu ihrem Kind negativ beeinflusste und sie dies als eigenes Versagen spürte. Einige Frauen beschrieben jedoch auch, dass Stilltrauer dazu führte, weniger ambitionierte Ziele bei ihrer weiteren Kinderplanung zu stecken: »Ich habe die Entscheidung getroffen, meine eigene Erwartungshaltung zu senken« (P17)
»Wir wollen verstehen«
Frauen brachten auch zum Ausdruck, dass sie das Bedürfnis hatten zu verstehen. Sie wollten wissen, woran es lag, dass die Milchmenge nicht reichte oder sie mit anderen Herausforderungen einen Umgang finden mussten: »Ich war so unglücklich, dass ich überhaupt nicht verstand, was mit meinem Körper passierte. Was war los, warum klappte es bei mir nicht …« (P4)
Ergänzende Wahrnehmungen
Frauen zogen in den Interviews zudem selbst Rückschlüsse aus ihren Erfahrungen. Sie reflektierten, dass zu hoch gesteckte Ziele zu einer Enttäuschung führen können, auch beim Stillen. Eine Frau bemerkte kritisch, dass Stillschwierigkeiten unter Frauen nicht ausreichend diskutiert würden. Eine Frau ermutigte andere Frauen, eine gewisse Resilienz in Bezug auf das Stillen zu entwickeln: »Gib nicht auf!« (P1).
Belastende tiefe Trauer
Die Autorin fasst zusammen: Stilltrauer zeigt sich bei afroamerikanischen Frauen als tiefe Trauer, die sich häufig mit einem Gefühl des Versagens mischt. Dieses negative Gefühl kann das Empfinden einer Mutter sowie die Beziehung zum Kind kurz- und langfristig belasten. Um Stilltrauer besser begegnen zu können, sind ein Verständnis der Stilltrauer und umfassende Unterstützungsangebote für betroffene Frauen erforderlich. Weitere Forschung wird empfohlen.
Quelle: Aderibigbe, T. (2025). It is mentally challenging – Understanding breastfeeding grief during the postpartum period: A qualitative descriptive study. Women Birth, 39, 102136. https://doi.org/10.1016/j.wombi.2025.102136 ∙ Beate Ramsayer/DHZ
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