Der Hebammenverband Baden-Württemberg möchte einen genaueren Einblick in die dramatischen Entwicklungen geben, die die Geburtshilfe im Land derzeit erschüttern.

Seit Inkrafttreten des neuen Hebammenhilfevertrags am 1. November stehen viele Beleghebammenteams vor existenziellen Herausforderungen. Bereits acht von zwanzig Teams im Land – darunter auch langjährig etablierte wie in Rottweil (777 Geburten), Nürtingen (1.235 Geburten), Schwetzingen (611 Geburten) oder Schwäbisch Hall (1.329 Geburten) – haben ihre Verträge gekündigt, pausiert oder befinden sich mitten in der Umstrukturierung. Ebenso betroffen sind die Kreißsäle in Wangen (686 Geburten), Öhringen (883 Geburten) und Crailsheim (635 Geburten). Hinzu kommt ein weiteres, in der Mitteilung nicht namentlich genanntes Haus mit 1.094 Geburten, das sich bereits in Verhandlungen befindet und bei ausbleibenden Nachbesserungen das Belegsystem ebenfalls verlassen müsste.

Damit sind 40 % aller Belegkliniken in Baden-Württemberg in einem akuten Umbruch, und weitere Häuser kündigen an, diesen Schritt gehen zu müssen.

Die Folgen dieses Systembruchs sind bereits jetzt sichtbar und weitreichend:

  • Das Belegsystem bricht vielerorts weg:
    Die neuen Anforderungen machen die bisherige Arbeitsweise kaum noch umsetzbar. Kliniken und Teams werden zu Anstellungsmodellen gedrängt – oft gegen ihre Möglichkeiten und Ressourcen.
  • Massive personelle Verluste:
    Erfahrene Hebammen verlassen die Geburtshilfe komplett. Kliniken können fehlende Vollzeitstellen nicht annähernd ausgleichen, vielerorts klaffen Lücken von drei bis über zehn Stellen.
  • Versorgungsunsicherheit für ganze Regionen:
    In einigen Landkreisen stehen gleich mehrere Belegkreise gleichzeitig vor der Kündigung. Das führt zu spürbaren Versorgungslücken und gefährdet die geburtshilfliche Betreuung nachhaltig.
  • Drohende Einkommensverluste von 30–60 %:
    Für Teams, die im Belegsystem bleiben würden, wären die finanziellen Einschnitte existenzbedrohend. Entscheiden sie sich für eine Anstellung, verlieren sie oft Kolleginnen, die diesen Weg nicht mitgehen können. In beiden Fällen ist das Fortbestehen der Teams bedroht.
  • Dramatischer Anstieg der Bürokratie:
    Statt Entlastung erleben Hebammen ein komplexes Abrechnungssystem, das zusätzliche Stunden ihrer Freizeit kostet und sogar dazu führt, dass Patientinnen zwischen Hebammen hin- und hergegeben werden müssen – ein Bruch der so wichtigen Betreuungskontinuität.
  • Unverständliche Vergütungslogik:
    Geburten unter 15 Minuten werden mit rund 10 Euro vergütet – trotz voller Haftungsverantwortung und oft hochkomplexen, riskanten Situationen. Eine Bewertung, die der Realität klinischer Geburtshilfe nicht standhält.
  • Erhöhte Belastung, sinkende Fachkräftezahl:
    Hebammen kompensieren derzeit erneut strukturelle Defizite, springen ein, arbeiten weit über ihre Grenzen – ein Teufelskreis, der immer mehr Kolleginnen aus dem Beruf treibt.

Eine entsprechende Pressemitteilung des Verbands findet sich hier: 202511 PRESSEMITTEILUNG – Folgen Belegsystem

Der Verband warnt eindringlich: »Wenn ein funktionierendes System in diesem Ausmaß zum Einsturz gebracht wird, ist das nicht nur ein berufspolitisches Thema – es ist eine Bedrohung für die geburtshilfliche Versorgung im ganzen Land. Wir fordern daher klare politische Nachbesserungen und tragfähige Rahmenbedingungen, um Stabilität und Sicherheit für Familien, Kliniken und Hebammen zu gewährleisten.«

Auf dem Instagram-Kanal @hebammenverband.bw finden sich weitere Beispiele, Stimmen aus den Teams und Hintergründe zur aktuellen Lage.

Quelle: Hebammenverband Baden-Württemberg e.V., 26.11.25 · DHZ