Die erste randomisierte Studie mit dem Ansatz, durch die tägliche Gabe von Insulinpulver einem Typ-1-Diabetes vorzubeugen, verfehlte ihr zentrales Ziel, die Bildung von Autoantikörpern zu unterbinden. Foto: © Atiwat/stock.adobe.com

Bei einem großen Teil der Kinder, die später einen Typ-1-Diabetes entwickeln, entstehen bereits in den ersten Lebensjahren Autoantikörper, die den Beginn des autoimmunen Krankheitsprozesses anzeigen. Eine Möglichkeit, diese Entwicklung aufzuhalten, existiert bislang nicht. Für bestimmte Nahrungsmittelallergien hingegen hat sich die orale Immuntherapie als wirksam erwiesen.

Der POInT-Trial (»Primary Oral Insulin Trial«) untersucht, ob sich dieses therapeutische Prinzip auch auf den Typ-1-Diabetes übertragen lässt. Grundlage dafür waren die umfassenden Vorarbeiten der »Global Platform for the Prevention of Autoimmune Diabetes« (GPPAD), die in fünf Ländern – darunter Deutschland – fast 250.000 Neugeborene auf ein erhöhtes genetisches Risiko gescreent hat. Besonders gefährdet sind Kinder mit positiver Familienanamnese sowie mit bestimmten Varianten der humanen Leukozytenantigene (HLA).

Keine Prävention der Autoantikörperbildung

Insgesamt wurden 1.050 Säuglinge im medianen Alter von sechs Monaten in zwei Gruppen randomisiert: eine tägliche hochdosierte orale Gabe von Insulinpulver oder ein Placebo. Da Insulin als Protein im Magen denaturiert und im Darm kaum aufgenommen wird, ergaben sich keine Effekte auf die Blutzuckerspiegel, so dass Hypoglykämien nicht zu erwarten waren. Die zentrale Hypothese war, über immunologische Mechanismen im Gastrointestinaltrakt eine Toleranzinduktion zu erreichen und damit die Entstehung insulin- und inselzellbezogener Autoantikörper zu verhindern.

Die Kinder erhielten die Intervention median 2,5 Jahre und wurden bis zu einem Alter von maximal 6,9 Jahren wiederholt auf Autoantikörper untersucht. Nach den nun von Anette-Gabriele Ziegler (Helmholtz Munich, TU München) und ihrem Team präsentierten Daten entwickelten in der Insulingruppe 52 Kinder (10 %) zwei oder mehr Inselautoantikörper – der primäre Endpunkt – verglichen mit 46 Kindern (9 %) in der Placebogruppe. Die berechnete Hazard Ratio (HR) lag bei 1,12 (95-%-Konfidenzintervall 0,76–1,67), womit das primäre Studienziel verfehlt wurde, die Autoimmunreaktion zu verhindern.

Verzögerung der Krankheitsmanifestation?

Eine Dysglykämie (Nüchternblutzucker ≥110 mg/dl oder pathologischer oraler Glukosetoleranztest) trat in der Insulingruppe bislang bei 18 Kindern (3 %) auf, in der Placebogruppe bei 24 Kindern (5 %) – entsprechend einer HR von 0,74. Diese Daten deuten darauf hin, dass die orale Insulingabe zumindest den Zeitpunkt des Krankheitsbeginns verzögern könnte. Insgesamt sind bislang fünf Kinder an Typ-1-Diabetes erkrankt, davon zwei in der Insulingruppe.

Genetische Variante beeinflusst Therapieeffekte

Eine potenziell protektive Wirkung zeigte sich bei den 56 % der Kinder, die am INS-Genort rs1004446 die CC-Variante aufwiesen. In dieser Subgruppe entwickelten in der Insulingruppe 9,6 % zwei oder mehr Autoantikörper gegenüber 12,6 % in der Placebogruppe (HR 0,75). Eine Dysglykämie oder einen manifesten Diabetes entwickelten 3,5 % versus 10,1 % der Kinder (HR 0,38).

Bei Kindern ohne diese CC-Variante zeigte sich hingegen ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Autoantikörperbildung (HR 2,10) sowie für Dysglykämie oder Diabetes (HR 2,60), so dass eine potenziell nachteilige Wirkung in dieser Gruppe nicht ausgeschlossen werden kann.

Für Ziegler machen die Ergebnisse deutlich, dass zukünftige Präventionsansätze stärker auf personalisierte Strategien ausgerichtet werden sollten. Geplant ist nun, die Kinder weiterhin bis zum Alter von zwölf Jahren zu beobachten – dem Zeitraum, in dem nach aktueller Datenlage die meisten Erkrankungsmanifestationen auftreten.

Quelle: Ziegler, A.-G., Achenbach, P., Weiss, A., Berner, R., et al. (2025). Efficacy of once-daily, high-dose, oral insulin immunotherapy in children genetically at risk for type 1 diabetes (POInT): a European, randomised, placebo-controlled, primary prevention trial. The Lancet. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(25)01726-X ∙ Deutsches Ärzteblatt, 19.11.2025 ∙ DHZ