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In vielen Kreißsälen tritt die Verantwortung der Hebammen für den physiologischen Geburtsprozess zunehmend hinter ärztlicher Überwachung zurück. Junge Kolleg:innen berichten von Unsicherheiten, fehlender Anerkennung und einem Berufsalltag, der sie daran hindert, ihre Kompetenz einzubringen. Hebammen brauchen mehr Sicherheit und Selbstvertrauen, um Verantwortung zu übernehmen und für die Frauen einzustehen.

Eigentlich ist die Rechtslage klar: Hebammen sind laut Gesetz für die Begleitung und Leitung der physiologischen Geburt verantwortlich. Ärzt:innen werden hinzugezogen, wenn medizinische Abweichungen oder Komplikationen auftreten – nicht umgekehrt. Die gelebte Praxis sieht jedoch oft anders aus. Diese Beobachtung basiert nicht auf einzelnen Eindrücken, sondern auf einem kontinuierlichen Austausch mit jungen Kolleg:innen und Studierenden. Viele berichten, dass sie ihre fachliche Einschätzung im klinischen Alltag zurückhalten – nicht aufgrund fehlenden Wissens, sondern aus Unsicherheit, aus Angst vor Kritik oder davor, im interprofessionellen Team bei möglichen Fehlentscheidungen negativ aufzufallen.

Diese Dynamik beginnt früh. Schon im ersten Jahr meiner eigenen Ausbildung wurde deutlich, wie junge Hebammen lernen, ihre Stimme zurückzunehmen. Studierende schildern immer wieder, dass operative Eingriffe nicht zwingend aus medizinischer Notwendigkeit erfolgen, sondern weil Geburtsverläufe als »zu langsam« bewertet werden oder weil ihnen Erfahrung und Kompetenz in ihrer fachlichen Einschätzung abgesprochen werden.

So verlassen heute viele ihr Studium mit fundiertem theoretischem Wissen, aber mit der Erfahrung, dass dieses Wissen im klinischen Alltag nur begrenzt gefragt ist. Sie lernen: Zurückhaltung gilt als sicher, das Einstehen für die eigene Kompetenz dagegen als Risiko. Diese Prägung beeinflusst ihr berufliches Handeln – und führt zu Unsicherheit sowohl in der Zusammenarbeit mit dem ärztlichen Team als auch in der Begleitung der Frauen.

Dabei braucht es genau das Gegenteil. Junge Hebammen müssen gestärkt werden – in ihrer Wahrnehmung, in ihrem Wissen und in ihrer Verantwortung. Hebammliche Kompetenz besitzt eine eigene Qualität: die kontinuierliche Nähe zur Gebärenden, die Fähigkeit, physiologische Prozesse zu erkennen, sie zu schützen und zu fördern. Dazu gehört selbstverständlich auch, sicher zwischen Physiologie und Pathologie zu unterscheiden: Welche Ressourcen bringt die Frau mit? Welche Voraussetzungen das Kind? Wann braucht es Geduld – und wann medizinische Unterstützung?

All dies setzt voraus, dass Hebammen sich in ihrer Rolle sicher fühlen dürfen. Sicher genug, für Frauen einzustehen. Sicher genug, ihre Einschätzung klar zu formulieren. Sicher genug, Verantwortung zu tragen – genau so, wie es ihrem Berufsbild entspricht.

Wenn wir die Zukunft der Hebammenarbeit im Kreißsaal sichern wollen, müssen wir hier ansetzen: bei der Stärkung junger Kolleg:innen, bei der Rückbesinnung auf die gesetzlich verankerte Rolle der Hebamme und bei einer Zusammenarbeit, die auf Respekt, Vertrauen und echter interprofessioneller Augenhöhe beruht.

Geburt ist kein medizinischer Ausnahmezustand, der erst durch ärztliche Kontrolle legitimiert wird. Geburt ist ein physiologischer Prozess. Und die Hebamme ist die dafür zuständige Fachperson.

Zitiervorlage
Wagner, T. (2026). Zwischen Wissen und Schweigen. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 78 (4), 68.