Maartje Schouten arbeitet als Hebamme in einem Level-1-Perinatalzentrum in Moers. Ihr Team hatte sich gerade auf das Dienst-Beleghebammen-Modell umgestellt. Doch nun treibt der neue Hebammenhilfevertrag Dienstbelegteams in Existenzängste. Nachdem sich die erfahrene Hebamme weder im DHV noch im BfHD gut vertreten gefühlt hatte, gründet sie mit Mitstreiter:innen den neuen Hebammenverband Amvita.
Katja Baumgarten: Das bedrückende Ergebnis des neuen Hebammenhilfevertrags versetzt fast alle Hebammen in Aufruhr, die Dienst-Beleghebammen ganz besonders. Sie gründen mit Kolleg:innen einen neuen Verband. Warum?
Maartje Schouten: Aus dem katastrophalen Verhandlungsergebnis mit den untragbaren Honoraren des neuen Hebammenhilfevertrags, nach dem wir ab 1. November abrechnen müssen, ist die Idee entstanden, einen neuen Verband zu gründen. Wir sind von der Arbeit der drei Hebammenverbände bei den Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenver- band massiv enttäuscht und fühlen uns als Dienst-Beleghebammen nicht vertreten. Ich war viele Jahre lang Mitglied beim DHV. Zum Jahreswechsel bin ich nach großer Unzufriedenheit zum BfHD gewechselt, wo ich mich zunächst viel besser aufgehoben gefühlt hatte. Nachdem der BfHD zusammen mit dem Netzwerk der Geburtshäuser die Beleghebammen für mein Gefühl so eklatant im Stich gelassen hat, bin ich im Mai dort wieder ausgetreten.
Unser neuer Verband ist aus der Not geboren. Wir bekommen auch Gegenwind von vielen Kolleginnen, die uns fragen: »Was soll das jetzt? Ein neuer Verband bringt doch nichts. Dadurch werden die Hebammen noch weiter auseinandergetrieben und der GKV-SV zieht daraus seinen Vorteil. Wir müssen doch zusammenstehen!« Aber das widerspricht sich nicht. Einen neuen Verband zu gründen, heißt nicht, dass wir die Hebammen auseinandertreiben, sondern dass wir eine Stimme für die Dienst-Beleghebammen sein können. Es geht uns nicht nur ums Dienstbelegsystem, sondern um die Interessen aller freiberuflicher Hebammen.
Wie ist die Idee zu dem neuen Verband aufgekommen?
Bei einem BfHD-Treffen habe ich Ruth Pinno kennen gelernt, die frühere Vorsitzende. Sie imponierte mir mit ihrem Engagement. Später sprach sie mich an, ob ich Interesse hätte, einen neuen Verband mitzugestalten. Zunächst habe ich gezweifelt: Ist das die richtige Idee? Wir haben uns dann im Frühjahr, nachdem die niederschmetternden Ergebnisse auf dem Tisch lagen, mit weiteren interessierten Kolleg:innen getroffen. Wir waren 15 Gründungsmitglieder. Patricia Morgenthal, die ehemalige Justiziarin des BfHD, ist nun unsere Justiziarin. Auch Susanne Schäfer ist Gründungsmitglied zusammen mit ihrem Mann. Sie war vor vielen Jahren auch Vorsitzende des BfHD gewesen und arbeitet als Hausgeburtshebamme in Berlin. Ruth Pinno, die in Itzehoe bei Hamburg sowohl als Hausgeburtshebamme wie auch in einem Dienstbelegsystem arbeitet, ist nun unsere Vorsitzende des Arbeitsvorstands. Wir haben mehrere Stellvertreterinnen und ich bin die Schatzmeisterin. Ein Versicherungsvertreter wird unseren Mitgliedern einen Rabatt für die Berufshaftpflichtversicherung anbieten. Noch beläuft sich meine jährliche Versicherungsprämie auf fast 15.000 Euro.
Der Verband wurde bereits gegründet?
Im Moment sind wir noch »in Gründung«. Wir heißen »Amvita Interessenvertretung für Hebammen«. Wir hatten einen Notartermin Ende Juni und warten nur noch auf die Eintragung ins Vereinsregister. Im Mai dieses Jahres haben wir uns zum ersten Mal getroffen und dann zügig unsere Satzung erarbeitet. Darin steht, was uns wichtig ist, beispielsweise Transparenz oder dass eine Doppelmitgliedschaft kein Problem ist. Unser Ziel ist Einigkeit, wir wollen nicht spalten.
Susanne Schäfer sagte, sie sei nach ihrer Zeit als Vorsitzende des BfHD überzeugt gewesen, sie würde nie wieder etwas mit Berufspolitik zu tun haben. Aber jetzt sei sie so aufgebracht, dass die Honorarverhandlungen mit den Kassen so schiefgelaufen seien. Als der BfHD vor mehr als 40 Jahren von den freiberuflichen Kolleginnen gegründet worden sei, hätten sie auch klein angefangen.
Dafür, dass wir gerade gestartet sind, ist schon einiges geschafft: Unser Vereinskonto und die Geschäftsstelle in Berlin wurden eingerichtet. Es gibt eine Homepage und auf Social Media sind wir bei Instagram und Facebook vertreten.
Am 1. Juli haben wir mit einem Link auf unserer Homepage zu einer Online-Gründungsparty eingeladen. Obwohl vieles noch im Entstehen ist, sind tatsächlich einige Hebammen dazugekommen. Nicht so viele, wie wir es uns gewünscht hätten, aber immerhin. Wir werden jetzt regelmäßig alle 14 Tage zu Online-Meetings einladen, an denen alle freiberuflichen Hebammen teilnehmen können, um zu informieren, um uns kennenzulernen und um neue Mitglieder zu werben. Im Moment wissen zumindest bei den Beleghebamme viele nicht mehr, ob sie bei ihrem Verband noch richtig sind. Ich möchte erreichen, dass sich die Dienst-Belegteams vernetzen und wir uns gegenseitig unterstützen und gemeinsam überlegen, was können wir tun?
Dann ist Amvita ein Verein von Beleghebammen?
Nein. Es sind auch vier Kolleginnen dabei, die nicht im Belegsystem arbeiten. Das Ziel ist, ein Verband für alle freiberuflichen Hebammen zu sein. Dazu gehört die Nachsorge-Hebamme oder die Hebamme, die Kurse anbietet, ebenso wie eine Begleit-Beleghebamme oder eine Hausgeburtshebamme.
Unser vordringliches Ziel ist es, Maßgeblichkeit als Verband zu erreichen, um die Honorarverhandlungen mitzugestalten. Wir möchten gerne die Vertretung für freiberufliche Hebammen sein, die wir in den anderen beiden Verbänden vermisst haben. Selbstkritisch müssen wir sagen, wir haben auch Signale und Entwicklungen verschlafen. Wir hätten uns viel früher darum kümmern müssen.
Was wollen Sie besser machen?
Ich habe weder Betriebswirtschaft studiert, noch habe ich je am Verhandlungstisch gesessen, geschweige denn mit dem GKV-SV. Aber ich will etwas verändern, mich einbringen und mich engagieren. Ich möchte nicht mehr in dieser Hilflosigkeit dasitzen und denken, da haben andere etwas verbockt und ich kann es nicht fassen, was da passiert. Transparenz ist für uns ein besonders wichtiges Ziel. Wir wollen die Vernetzung untereinander fördern, indem wir die Meinungen und Ideen der Mitglieder einbeziehen. Unser Fokus liegt auf unserer beruflichen Autonomie.
Wir bringen unsere Expertise aus der Praxis mit – wir wissen, wie wir arbeiten. Susanne Schäfer und Ruth Pinno haben viel Erfahrung gesammelt, als sie jahrelang den BfHD bei Honorarverhandlungen mit den Krankenkassen vertreten haben. Patricia Morgenthal hat die Hebammen als Justiziarin jahrzehntelang beraten. Wir möchten künftig als Verband Amvita bei den Vertragsverhandlungen mitreden, um ein besseres Ergebnis für die Beleghebammen zu erreichen.
Von den bestehenden Hebammenverbänden haben Sie sich als Dienst-Beleghebamme nicht ausreichend gesehen und vertreten gefühlt?
Nein. Mit meiner Kritik bin ich nicht allein. Alle Beleghebammen sind sich einig, wir tauschen uns regelmäßig auf unterschiedlichen Kanälen aus. Dabei haben sich auch Splittergruppen gebildet. Es gibt sogar eine Dienstbeleghebammen-Gruppe mit 800 Hebammen, die über WhatsApp miteinander diskutieren und Aktionen vorbereiten. Auch da passiert viel, weil alle Angst um ihre Zukunft haben.
Ich will nicht, dass das Beleghebammen-System kaputt gemacht wird, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Es ist ein großartiges System mit vielen Chancen. Dem ist zu wenig Rechnung getragen worden. Auch den Frauen und Familien gegenüber ist es unfair, wenn die Belegteams aufgeben müssen, weil sie künftig nicht überleben können.
Beeindruckend finde ich, dass jede Beleghebamme, mit der ich persönlichen Kontakt habe, sagt: »Ich will nie wieder angestellt arbeiten!« Es wird aktuell immer nur über das Geld geredet. Aber das System hat noch eine ganz andere Reichweite. Wir kämpfen seit Jahren dafür, dass wir in unserer Klinik jeden Tag eine Wochenbett-Visite machen. Das haben wir nie durchsetzen können, weil wir die Dienste nicht besetzen konnten und nie genug Hebammen hatten. Jetzt im Dienst-Belegsystem sieht jede Frau einmal am Tag eine Hebamme im Wochenbett, die sie beispielsweise beim Stillen unterstützt. Wir bieten jetzt eine Schwangerenambulanz an. Wir haben noch viele Pläne. Wir möchten, dass es für die Frauen gut läuft. Es geht um unsere Verantwortung, du hast ein anderes Standing in der Klinik. Unser Chef weiß, was Hebammenarbeit ist und schätzt das sehr. Er steht als Chefarzt auch unter Druck, als Leiter einer Abteilung, die finanziell so unattraktiv ist wie die Geburten nun einmal sind.
Ohne Dienst-Beleghebammen wird es riesige Rückschritte geben, dann sind alle Klinikhebammen wieder den Einschränkungen als Angestellte unterworfen. Wenn es für mein Belegteam in Moers keine Lösung gibt, werde ich auf keinen Fall ins Angestelltenverhältnis zurückkehren. Ich habe mich jahrelang aufgerieben, um bessere Arbeitsbedingungen für unser Angestelltenteam im Kreißsaal zu erkämpfen. Das hat nicht funktioniert. Für uns war es leider der ungünstigste Zeitpunkt für den Wechsel: Gerade erst zum 1. Juli haben wir auf das Dienstbelegsystem umgestellt.
Obwohl Ihr Team erst vor wenigen Wochen umgestellt hat, sind Sie so überzeugt von dem freiberuflichen Modell?
Ja. Ich bin aus zwei Jahren Leiharbeit gekommen – da habe ich gemerkt, hier kann ich gesund arbeiten, gut arbeiten und werde auch vernünftig bezahlt. Vorher habe ich als Angestellte in der Klinik einen Brutto-Stundenlohn ohne Zulagen von 23 Euro verdient, für meine Hebammenarbeit in einer Level-1-Klinik, wo ich eventuell drei Geburten gleichzeitig betreue, und eine Frau blutet. Für dieses Gehalt in einem so anstrengenden Beruf zu arbeiten – ich bin 52 Jahre alt, ich verkrafte die Nachtdienste nicht mehr so gut. Das kann ich mir in der Freiberuflichkeit alles anders gestalten.
Sind nicht auch Dienstbeleghebammen rund um die Uhr im Schichtdienst im Einsatz?
Ja, aber nicht alle. Ich kann mir aussuchen, wie ich arbeite. In unserem Team können wir organisieren, dass manche Hebammen keine Nachtdienste mehr machen. Wir decken dennoch alle Dienste ab. Ich sage ja nicht, ich mache nie wieder Nachtdienst. Es wird Situationen geben, wo es notwendig sein wird, wenn wir beispielsweise Schwangere im Team haben. Aber so, wie es vorher war, dass ich jeden Monat fünf oder sechs Nachtdienste übernehmen musste, das muss ich jetzt nicht mehr. Diese Freiheit kann ich mir nehmen. Wir haben beispielsweise eine junge Mutter, die kann nur Nachtdienste und keine Spätdienste übernehmen, weil sie tagsüber für ihre Kinder keine ausreichende Betreuung hat. Das gleicht sich aus, ein Geben und Nehmen. Wir haben eine Punkteregelung, wie unsere Arbeit im Team vergütet wird.
Wie sind Ihr beruflicher Hintergrund und Ihr Werdegang als Hebamme?
Ich bin seit 1996 Hebamme. Ich habe in allen möglichen Bereichen gearbeitet – viele Geburten begleitet, zeitweise nur in der Nachsorge gearbeitet und bin 2019 wieder in die Klinik eingestiegen. Da habe ich schnell gemerkt, dass sich die Arbeitsbedingungen der angestell- ten Kolleginnen nicht geändert haben, seit ich die Klinik Ende der 1990er verlassen hatte. In meinem Team habe mich von Anfang an sehr wohlgefühlt. Zum ersten Mal habe ich erlebt, wie Hebammen und Ärzt:innen auf Augenhöhe zusammenarbeiten mit einem Chefarzt, der an Geburtshilfe interessiert ist, der sich unsere Sorgen angehört hat.
Von Anfang an haben mich aber die Umstände gestört, unter denen wir angestellten Hebammen gearbeitet haben: viele überarbeitete Kolleginnen, viele Überstunden, viele Einspring-Dienste, die nicht ausreichend vergütet werden – sie werden als Überstunden angerechnet, die untertariflich schlecht bezahlt werden – viel Ärger einfach. Ich habe von Anfang an mit einer Gruppe aus Teammitgliedern versucht, bei der Geschäftsführung die Umstände zu verbessern – vergeblich. Schließlich habe ich das Team im Krankenhaus in Moers verlassen und bin für zwei Jahre in die Leiharbeit gegangen, auch wenn ich wusste, das ist kein Konzept von Dauer. Mein Impuls war, ich tue jetzt etwas für mich. Ich hatte dort zwei gute Jahre und habe gutes Geld verdient mit viel weniger Arbeitsbelastung. Von den Kolleginnen an meinen Einsatzorten wurde ich immer gut aufgenommen, sie waren froh über die Entlastung. Dann kam mein altes Team wieder auf mich zu. Sie würden gerne aufs Belegsystem umstellen, das sei die einzige Chance, wie man diesen Kreißsaal oder dieses Team retten könne.
Welche Vorteile hat das Team im Dienstbelegmodell gesehen?
Als ich noch Teil des Teams war, hatten wir eine Fernsehdokumentation über ein Dienstbeleghebammenteam in Hamburg gesehen, das Hebammenkontor Altona. Damals waren viele noch skeptisch und fanden die selbstständige Arbeit zu risikoreich. Ich habe die Vorteile gesehen: Das Team in Hamburg hatte die gleichen Probleme wie wir – zu wenige Kolleginnen, zu viele Überstunden, alle lieben ihre Arbeit, alle geben ihr Bestes, aber es ist wie eine zu kurze Bettdecke. Wenn du vorne ziehst, fehlt hinten wieder was. Die Hamburger Kolleginnen hatten umgestellt und haben davon berichtet, wie hoch ihre Arbeitszufriedenheit nun ist, dass man besser verdient, dass die Selbstständigkeit an sich schon die Haltung im Team verändert hat.
Als mein Team mich dann anrief, habe ich gesagt, ich komme wieder und helfe mit. Im Februar 2024 habe ich mich zunächst wieder dort anstellen lassen mit dem Plan, den Umstellungsprozess auf das freiberufliche Dienstbelegsystem mitzugestalten.
Zurück zu Amvita – welches sind Ihre vordringlichen Ziele?
Im Moment geht es vorrangig darum, uns für gute Konditionen im Hebammenhilfe-Vertrag zu engagieren. Gehen wir einmal vom besten Fall aus, wir hätten einen ausreichend großen Zulauf von Mitgliedern und uns würde die Maßgeblichkeit zugesprochen: Dann geht es nicht nur um die Beleghebammen. Auch die Nachsorgehebamme steht mit diesem Vertrag schlecht da. Man wird doch für effizientes Arbeiten bestraft, beziehungsweise dazu verleitet, den Besuch künstlich in die Länge zu ziehen, um im neuen Abrechnungssystem auf den vollen Satz kommen. Warum sind andererseits 36 Termine für die Wochenbettbetreuung frei verfügbar vorgesehen? Ich habe noch nie so viele Hausbesuche für eine Nachsorge gebraucht. Das hätte man eingrenzen können! Aber diese Fünf-Minuten-Regelung und die Stundendeckelung nach oben, die bilden nicht die tatsächliche Hebammenarbeit ab: Ich sitze manchmal beim ersten Hausbesuch anderthalb Stunden. Die 111,42 Euro, die ich künftig dafür bekomme, wiegen nicht die Reduzierung im späteren Wochenbett auf, wenn meine Besuche nur noch 20 Minuten dauern und mit 24,76 € statt der aktuellen Pauschale von 42,11 Euro vergütet werden. Für mich werden sich Nachsorgen definitiv nicht mehr lohnen.
Es ist für alle schwierig mit dem neuen Vertrag. Hebammen, die Kurse anbieten, dürfen künftig nach dem neuen Vertrag Stunden, deren kurzfristigen Ausfall die Frau selbst zu verantworten hat, nicht mehr privat in Rechnung stellen. In den Foren war das ein großes Thema.
Beispielsweise sollen wir Dienstbeleghebammen künftig unsere Leistungen in der Ambulanz nicht mehr abrechnen können – keine CTG-Kontrollen, Hilfe oder Terminüberschreitungskontrollen. Bei diesem Punkt kann ich die Sicht des GKV-SV sogar nachvollziehen: Sie sagen, das Krankenhaus rechnet die Leistung über die Überweisungen ab und außerdem rechnen auch die Hebammen noch ab, das kann so nicht sein. Uns wurde in einem Online-Meeting des BfHD geraten, die paar CTGs doch einfach in einem anderen Raum außerhalb vom Kreißsaal zu schreiben. Das zeigt mir, dass man nicht verstanden hat, worum es geht. In einem Level-1-Haus mit 1.400 Geburten und nur vier Geburtsräumen platzt du aus allen Nähten angesichts der Menge an Leistungen in der Ambulanz. Wir wissen gar nicht, wohin mit den Frauen – was nochmal ein eigenes Thema ist.
Unser Team war zum Glück so vorausschauend, bei unseren Beleg-Vertragsverhandlungen anzukündigen, dass wir am Krankenhaus eine Hebammenpraxis etablieren möchten. Unser Klinikleiter hat das begrüßt. Sobald wir unsere Räume beziehen, können wir über die Hebammenpraxis an der Klinik weiterhin ambulant abrechnen. Viele Abteilungen haben diese Möglichkeit aber nicht und deren Hebammen erbringen dann Leistungen, die sie nicht abrechnen können – sie arbeiten umsonst.
Denken Sie, trotz der aktuell scharfen Ökonomisierung im Gesundheitswesen hätten die drei Verbände mehr erreichen können?
Ja. Ich sage aus tiefster Überzeugung, das ist schlechte Arbeit gewesen. Wir sind ein klitzekleiner Baustein in diesem Gesundheitssystem – für die Krankenkassen sind die Hebammenhonorare ein geringer Kostenfaktor. Welcher Berufsstand würde sich nach acht Jahren ohne nennenswerte Erhöhung der Gebühren mit einem Ergebnis zufriedengeben, bei dem es nachher allen schlechter geht, und dann sagen, wir haben alles getan, wir haben gekämpft, aber es war nicht mehr möglich? Der BfHD und das Netzwerk der Geburtshäuser scheinen sogar sehr zufrieden mit ihrem Ergebnis. Der DHV zeigte sich entsetzt.
In der Zeit, als ich den DHV verlassen habe, war für mich klar, der BfHD vertritt meine Interessen besser, sie arbeiten mit kompetenten Berater:innen zusammen, denen die Zahlen zu den Abrechnungen vorliegen und die wissen, wie wir Beleghebammen arbeiten. Das können sie den Verteter:innen des GKV-SV erklären. Wie das letztlich laufen würde, konnte ich ja nicht ahnen. Aber selbst wenn der DHV seine Pläne so durchgebracht hätte, wie sie uns beim »Jour fixe« im September 2024 vorgestellt wurden, dann hätten die Beleghebammen auch verloren. Auch da war klar, dass es ab der zweiten Frau weniger Geld geben soll, obwohl wir zu 100 % haften. Nach dem Schiedsspruch ist der DHV aber so aufgetreten, als wenn er alles anders gemacht hätte. Das fand ich unaufrichtig. Es wäre nicht für alle so eine Vollkatastrophe geworden, aber die Beleghebammen wären hinten runtergefallen.
Der DHV hatte deutlich höhere Honorare für die Dienstbeleghebammen gefordert, bevor er die Schiedsstelle angerufen hatte. Laut Vertrag bekom- men Dienstbeleghebammen ab 1. November nur 80 % des regulären Stundenhonorars von 74,28 Euro für freiberufliche Hebammen, also 59,42 Euro. Der DHV hatte 100 % gefordert und ein reguläres Honorar von 88,20 Euro.
Die Honorare, wie sie nun entschieden sind, hat der DHV so nicht gewollt, das ist mir klar. Der BfHD und das Netzwerk haben es wirklich auf die Spitze getrieben mit ihrem Alleingang und dem inakzeptablen Ergebnis. Das war eine Vollkatastrophe! Deswegen habe ich dem BfHD sofort meine Kündigung geschickt und bin ausgetreten. Ich habe von vielen Kolleginnen gehört, die es genauso gemacht haben. Ich weiß nicht, was da passiert ist. Warum haben sie so entschieden und auf niemanden gehört? Schon bevor die Schiedsstelle angerufen worden war, hatten viele Mitglieder vehement protestiert und es dem BfHD-Vorstand auch in zahlreichen Briefen und Mails zum Ausdruck gebracht, dass sie so nicht vorgehen dürfen. Im letzten Online-Meeting vor dem Schiedsstellentermin haben sehr viele Mitglieder das auch noch einmal deutlich gemacht.
Hatten Sie in Ihrer Zeit als DHV-Mitglied erwogen, sich im Verband zu engagieren?
Nein. Ich halte den DHV für viel zu unbeweglich – mit seinem riesengroßen Verwaltungsapparat. Er ist wie ein Tanker. Ich habe mich auch über die Vorgehensweise geärgert, wie mit Mitgliedern umgegangen wird. Bei den Onlineveranstaltungen, an denen ich teilgenommen habe, hatte ich immer das Gefühl, dass kritische Stimmen nicht gehört oder sogar abgewürgt werden. Ich hatte mich schon vorher über den DHV geärgert, aber ich wollte ja in einem Berufsverband sein. Das stand für mich immer außer Frage. Mir wurde vorgeworfen, warum machst du jetzt einen neuen Verband und mischst die Hebammen noch mehr auf? Warum hast du dich nicht im DHV engagiert?
Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Hebammen durch mehr unterschiedliche Vertretungen in ihrer Durchsetzungskraft verzetteln?
Es soll etwas Neues entstehen – mal sehen, wo es uns hinführt. Wer es nicht versucht, hat schon verloren. Wir wollen jetzt nicht unser eigenes Ding machen. Gerne würden wir mit dem DHV und mit dem BfHD, wenn er sich wieder sortiert hat, zusammenarbeiten. Der DHV und der BfHD haben sich jetzt auch wieder an einen Tisch gesetzt – das geht ja gar nicht anders. Aber wie sich die Verbände nach diesem Ergebnis jetzt noch begegnen können, das würde ich gerne wissen. Ich wäre froh, wenn unsere Verbandsgründung auch dazu führt, dass der DHV über seine Strukturen nachdenkt und erkennt, es gibt eine große Unzufriedenheit – was können wir anders machen? Was aus dem BfHD wird? Ich bin gespannt…
Es geht mir auch nicht darum, zu werben, tretet alle aus den Verbänden aus, kommt zu uns. Ich kann es einfach nicht aushalten, dass dieses wertvolle Modell der Dienstbeleghebammen durch die drohende wirtschaftliche Schieflage eventuell abgeschafft wird. Man hört, die ersten Beleghebammen lassen sich jetzt schon wieder anstellen. Dann sind wir wieder da, wo wir vor 30, 40 Jahren waren. Das bedrückt mich!
Ein Bonner Beleghebammenteam hat einen Fragebogen entwickelt und eine deutschlandweite Umfrage gemacht: »Welche Vorteile hat das Dienstbeleghebammensystem?« Das Ergebnis war eindeutig: Alle haben geantwortet, wir haben davon nur profitiert. Die Frauen, die Beleghebammen-Kolleginnen, die Ärzt:innen und die Klinikleitungen sind zufrieden. Die Geburtenzahlen sind überall gestiegen, wo Kliniken auf das Belegsystem umgestellt haben.
Bei vielen Beleghebammen und auch bei uns im Team sehe ich eine Aufbruchstimmung, dass alle gerne arbeiten und wir uns gegenseitig unterstützen. Wir sehen uns wieder als eine Einheit, wollen zusammenarbeiten und gemeinsam etwas Gutes aus unserer Hebammenarbeit machen. Es wäre so ein großer Verlust, wenn das Beleghebammensystem durch den neuen Hebammenhilfevertrag hinten runterfällt!
Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!
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