Maßnahmen, die sich im ersten Lebensjahr auf das Verhalten der Eltern konzentrieren, tragen offenbar nicht dazu bei, das Risiko für späteres Übergewicht zu senken. Foto: © Igor/stock.adobe.com
Elternorientierte Verhaltensprogramme im ersten Lebensjahr ihrer Kinder scheinen nicht geeignet zu sein, um späteres Übergewicht zu verhindern. Zu diesem Ergebnis kommt eine umfangreiche systematische Übersichtsarbeit mit individueller Daten-Metaanalyse, die in The Lancet Global Health erschienen ist.
Insgesamt wurden 17 randomisiert-kontrollierte Studien mit 9.128 Kleinkindern ausgewertet. Die Interventionen setzten entweder bereits während der Schwangerschaft oder im ersten Lebensjahr an und bezogen sich jeweils auf mindestens einen der Bereiche Ernährung, Bewegung oder Schlaf. Der primäre Endpunkt war der BMI-Z-Score im Alter von 24 Monaten.
Das Ergebnis: Zwischen Interventions- und Kontrollgruppen zeigte sich kein signifikanter Unterschied. Auch Analysen nach sozioökonomischem Status oder kulturellem Hintergrund erbrachten keinen Vorteil.
Elternfokussierte Ansätze greifen zu kurz
»Unsere Ergebnisse legen nahe, dass derzeitige elternfokussierte Ansätze zur Prävention von Adipositas im Kleinkindalter nicht ausreichen«, erklärte Seniorautorin Anna Lene Seidler, Inhaberin des Lehrstuhls für Health Equity in Child Health an der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universitätsmedizin Rostock.
Sie betonte die besondere Belastung vieler Familien in dieser Lebensphase: »Das erste Lebensjahr ist für viele Familien extrem fordernd – sie haben in dieser Phase oft gar nicht die Kapazität, umfassende Verhaltensänderungen umzusetzen. Hinzu kommt, dass die Programme gerade die Familien mit dem höchsten Risiko für Übergewicht oft gar nicht erreichen.«
»Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien haben das höchste Risiko für Übergewicht. Aber ihre Eltern haben oft nicht die Zeit oder die Ressourcen, um diese Angebote wahrzunehmen, speziell in der aktuellen Lebenshaltungskostenkrise«, ergänzte Seidler.
Alltagsbelastung mindert Wirkung – Politik gefordert
Auch Peter von Philipsborn, Leiter des Lehrstuhls für Public Health Nutrition an der Universität Bayreuth, sieht hierin eine wesentliche Erklärung: »Im Stress des Alltags ist es für Eltern von Kleinkindern schwierig, Empfehlungen zu Ernährung und Bewegung konsequent umzusetzen. Deshalb ist es wichtig, auch an strukturellen Faktoren anzusetzen – etwa durch strengere Regulierung von Kinderlebensmitteln und Werbung, bessere Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten sowie einen erleichterten Zugang zu gesunden Lebensmitteln.«
Gleichzeitig hob er hervor, dass die Ergebnisse nicht als generelle Wirkungslosigkeit von Präventionsmaßnahmen missverstanden werden dürften: »Untersucht wurden nur Maßnahmen, bei denen die Wissensvermittlung an die Eltern im Vordergrund steht.«
Lebensstil durch gesellschaftliche Faktoren geprägt
Auch Martin Wabitsch, Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Ulm sowie Koordinator der AWMF-S3-Leitlinie »Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter«, betonte die Grenzen rein verhaltensorientierter Programme. »Lebensstil und Verhalten werden vorwiegend durch sozioökonomischen Status, kulturelle Einbettung und Bildung bestimmt. Diese Einflussgrößen lassen sich nicht durch Verhaltensschulungen allein verändern – dafür braucht es viel umfassendere gesellschaftliche Veränderungen«, sagte er.
Die Autorinnen und Autoren plädieren deshalb für politische Maßnahmen, die gesunde Lebensumfelder für Kinder fördern, etwa in Kitas und Schulen. »Solche Interventionen könnten deutlich wirksamer sein«, so Seidler.
Wabitsch verwies zudem auf eine erfreuliche Entwicklung in Deutschland: »Die Schuleingangsuntersuchungen zeigen bereits seit einiger Zeit eine Stagnation, teils sogar einen Rückgang der Adipositasprävalenz. Das dürfte weniger einzelnen Programmen zuzuschreiben sein als vielmehr vielfältiger Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung und bei den jungen Familien gepaart mit den Gesundheitsuntersuchungen für Kinder.«
Quelle: Hunter, K. E., Johnson, B. J., Askie, L., Golley, R. K., Baur, L. A., Marschner, I. C., Taylor, R. W., Wolfenden, L., Wood, C. T., Mihrshahi, S., Hayes, A. J., Rissel, C., Robledo, K. P., O’Connor, D. A., Espinoza, D., Staub, L. P., Chadwick, P., Taki, S., Barba, A., Libesman, S., … Transforming Obesity Prevention for CHILDren (TOPCHILD) Collaboration (2022). Transforming Obesity Prevention for CHILDren (TOPCHILD) Collaboration: protocol for a systematic review with individual participant data meta-analysis of behavioural interventions for the prevention of early childhood obesity. BMJ open, 12(1), e048166. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2020-048166 ∙ Deutsches Ärzteblatt, 22.9.2025 ∙ DHZ
