Viele Länder, darunter Deutschland, haben die spinale Muskelatrophie in ihr Neugeborenenscreening auf seltene, aber behandelbare Erkrankungen aufgenommen. Foto: © Picture Partners/stock.adobe.com

Das Screening von Neugeborenen auf eine spinale Muskelatrophie (SMA) ermöglicht einen Behandlungsbeginn vor dem Auftreten der ersten Symptome. Eine Behandlung mit dem oralen Spleißmodifikator Risdiplam hat sich laut einem Bericht im New England Journal of Medicine (NEJM) als sicher erwiesen und die meisten Kinder bisher vor schweren neurologischen Entwicklungsstörungen bewahrt.

Viele Länder, darunter Deutschland, haben die spinale Muskelatrophie in ihr Neugeborenenscreening auf seltene aber behandelbare Erkrankungen aufgenommen. Der Erkrankung, mit der eins von etwa 10.000 Kindern geboren wird, liegen Mutationen im Gen SMN1 zugrunde, das das Protein SMN (Survival Motor Neuron) kodiert.

Ausmaß der Muskelschwäche

Die Folge der Gendefekte ist ein allmählicher Untergang der Alpha-Motoneurone, die vom Rückenmark aus die Bewegungen der Muskeln steuern. Das Ausmaß der Muskelschwäche hängt von der Zahl der Kopien des Gens SMN2 ab, die den Ausfall von SMN1 teilweise kompensieren können. Patienten mit ein oder 2 Kopien SMN2 erkranken an der schwersten Form, dem Typ-1 der SMA, die bereits in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt zur Muskelschwäche führt.

Unbehandelt kommt es meist innerhalb der ersten beiden Lebensjahre zum Tod. Bei Patient:innen mit Typ 2 oder 3 SMA verläuft die Erkrankung deutlich langsamer, weil 3 oder mehr SMN2-Kopien lange Zeit den Untergang der Motoneurone verhindern.

Eine Behandlung ist heute mit der Gentherapie Onasemnogen-Abeparvovec und den beiden Spleißmodulatoren Nusinersen und Risdiplam möglich. Onasemnogen-Abeparvovec ist mit hohen einmaligen Kosten von 2,26 Millionen Euro verbunden. Nusinersen muss regelmäßig intrathekal in den Liquorraum infundiert werden. Risdiplam ist als „small molecule“ oral verfügbar und könnte deshalb für viele Eltern die bessere Wahl unter den Spleißmodulatoren sein.

Die RAINBOWFISH-Studie

Jetzt stellt ein internationales Team erste Daten zu Risdiplam vor. In der laufenden RAINBOWFISH-Studie wurden an weltweit 7 Zentren (in Europa: Lüttich und Danzig) 23 Kinder ab der Diagnose am 1. bis 42. Tag behandelt. Alle Kinder waren asymptomatisch.

Von den 18 Kindern mit 3 oder mehr SMN2-Kopien, von denen die meisten unbehandelt an einer SMA vom Typ 2 oder 3 erkrankt wären, konnten laut Finkel alle im Alter von 12 Monaten sitzen und im Alter von 24 Monaten laufen ohne Hinweis auf eine schwere neuromuskuläre Entwicklungsstörung.

Die Ergebnisse berechtigen laut Finkel zu der Hoffnung, dass ein früher Behandlungsbeginn den Verlauf der Erkrankung fundamental verändern kann. Es würden nicht nur die Symptome behandelt, sondern Muskelstärke und Lebensqualität der Kinder würden von Anfang an erhalten.

Quelle: Finkel, R. S., … RAINBOWFISH Study Group (2025). Risdiplam in Presymptomatic Spinal Muscular Atrophy. The New England journal of medicine, 393(7), 671–682. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2410120 ∙ Deutsches Ärzteblatt, 18.8.2025 ∙ DHZ