Suse Grot: »Kraftsuppen sollten keine ›bittere Medizin‹ sein, sondern vorzüglich und rund schmecken.«
Foto: © Christian Kruse/RTL
Ein bewährtes Beispiel für die Anwendung von Naturheilkunde sind Kraftsuppen. Sie sind weit mehr als nur ein Trend – sie haben in der Traditionellen Chinesischen Medizin eine hohe Bedeutung für das Wochenbett.
Nach der Geburt braucht der Körper gezielte Unterstützung zur Regeneration. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gelten kräftigende, bekömmliche Speisen – insbesondere Kraftsuppen – als zentrales Mittel zur Stärkung von Qi, Blut (Xue) und zur Stabilisierung der Mitte (Milz/Magen).
Glossar
Zentrale Begriffe aus der Chinesischen Medizin:
- Qi: Oft als »Energie« übersetzt, meint jedoch die Lebenskraft als Ursprung und Erhalt des Lebens. Ohne Qi kein Leben.
- Die Mitte: Entspricht dem Verdauungssystem, inklusive Mikrobiomen in Mund und Magen-Darm-Trakt.
- Xue: Übersetzt mit »Blut«, umfasst neben dem Blut auch die nährenden Körpersäfte und Flüssigkeiten wie Muttermilch, Speichel, Magensaft, Tränen, Gelenkflüssigkeit, Urin.
- Jing: Der »Samen des Lebens«, vergleichbar mit der DNA. Jing steuert Aufbau, Wachstum, Entwicklung und Fruchtbarkeit und wird nur begrenzt erneuert.
- Shen: »Herz-Geist« – steht für Bewusstsein, Emotionen und geistige Klarheit. Shen »wohnt« im Herzen und zeigt sich in innerer Ruhe, Präsenz und leuchtenden Augen.
Ernährung als Medizin
Die Chinesische Medizin basiert auf fünf Säulen: Akupunktur, Arzneimitteltherapie, Qigong, Tuina-Massage – und Ernährung. In China wird Essen nicht nur als Energiezufuhr betrachtet, sondern als Therapieform. »Essen ist mehr als bloßes Vergnügen. Die Chinesen genießen und lieben das Essen nicht nur, sie beten gutes Essen an«, sagt der TCM-Therapeut und Ernährungsmediziner Uwe Siedentopp (Siedentopp, 2025).
Der zentrale Gedanke: Nahrung beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Emotion. Dabei werden Speisen nach ihrer thermischen Wirkung beurteilt (heiß, warm, neutral, kühl, kalt), nach ihrem Geschmack (süß, bitter, scharf, salzig, sauer) und ihrer Wirkung auf die fünf Funktionskreise, die den menschlichen Organismus energetisch durchlaufen.
Das harmonische Zusammenspiel aller fünf Funktionskreise ist essenziell für die Fortpflanzungsfähigkeit bei Frauen und Männern. Die Chinesischen Medizin legt viel Wert darauf, durch gezielte Lebenspflege und ausgewählte Ernährung der werdenden Mutter die besten Voraussetzungen zu bieten – und so auch indirekt dem ungeborenen Kind.
Im »Leitfaden Chinesische Diätetik« schreiben Ute Engelhardt, Rainer Nögel und Patricia Krinninger, dass sowohl in der Tradition ›den Fetus nähren‹ (yangtai) als auch in der Epigenetik die besondere Rolle der Ernährung in der Schwangerschaft und die Möglichkeit bekannt seien, damit entscheidende Weichen für lebenslange Gesundheit beziehungsweise Krankheitsdisposition zu legen (Engelhardt et al., 2025).
Die Rolle der Mitte
Im Zentrum der TCM-Ernährung steht die Mitte – das energetische System von Milz und Magen. Sie ist verantwortlich für Verdauung, Aufnahme und Umwandlung der Nahrung in Qi und Blut. Eine starke Mitte bedeutet gute Verdauung, stabile Energie, klare Gedanken. Ist die Mitte geschwächt – zum Beispiel durch kalte, rohe oder unregelmäßige Mahlzeiten – kann keine ausreichende Versorgung stattfinden.
Besonders im Wochenbett braucht die Mitte Schutz, Wärme und einfache, gut verdauliche Nahrung. Kalte Getränke, Rohkost, Smoothies oder zu viel Zucker wirken belastend. Hier greifen Kraftsuppen als ideales Gegenmittel: Sie sind warm, flüssig, nährend und leicht aufzunehmen – ohne zusätzliche Belastung für das Verdauungssystem.
Ernährung als Fürsorge
Essen im Wochenbett ist folglich mehr als Nahrungsaufnahme. Es ist ein Ausdruck von Selbstfürsorge und Bindung – zu sich selbst, zum Neugeborenen, zur Familie.
»Für viele Frauen stellt sich nach der Geburt die Frage, wie sie den Spagat zwischen Fürsorgepflicht und Selbstfürsorge neu meistern können. Oft schiebt sich dabei ›das Beste für das Kind zu wollen‹ vor das Augenmerk auf das eigene Wohlbefinden. Eine Kraftsuppen-Mahlzeit dient hier als Mittel, das Band zwischen Mutter und Kind zu harmonisieren und zu stärken. Eine Schale, während des Stillens genossen, nährt in vielfacher Hinsicht und auf tiefer Ebene beide Seiten der Einheit.« (Grot, 2021)
Es gibt also konkrete, einfache Wege, die an heutige Bedürfnisse angepasst werden können – ohne Dogma, mit Empathie. Die Hamburger Beleghebamme Katharina Trippen bringt es auf den Punkt: »Wenn man als vulnerabler Mensch gut genährt wird, hilft das allem – der Seele und dem Körper.« Ein besonders guter und zugleich gut umsetzbarer Weg ist es, Kraftsuppen auf Vorrat selbst zuzubereiten.
Die Wirkung der Kraftsuppen
Kraftsuppen sind flüssige Nahrung mit Substanz. Sie sind leicht verdaulich, liefern hochwertige Proteine, Mineralien und Wärme – genau das, was ein geschwächter Körper nach der Geburt braucht.
Kraftbrühen gehören in vielen Kulturen seit langer Zeit zur bewährten Wochenbettküche. Auch in Deutschland und Europa haben Kraftbrühen, Consommés, Bouillon, Bone Broth und Co eine lange Tradition – sowohl in der Hausmannskost als auch in der gehobenen Gastronomie.
- Die ältesten Suppenrezepte Chinas stammen aus dem Rezepturwerk Wushi Er Bingfang aus dem Muwangdui Grab Nr. 3 um 168 v. Chr.
- Erwähnungen finden sich auch im Alten Ägypten.
- Im 10. Jahrhundert berichtet der persische Arzt Avicenna über »die positive Wirkung von Hühnerkraftsuppe«.
- Im 11. Jahrhundert verkündet die deutsche Universalgelehrte Hildegard von Bingen: »Huhn erquickt die Kranken.«
- Seit dem Mittelalter ist Hühnersuppe als traditionelles Hausmittel in Deutschland anerkannt.
- Der jüdische Gelehrte Maimonides lobt Hühnersuppe, sie sei »gut zur Wiederherstellung gestörten Humors.«
- Hühnersuppe ist in den USA als »Jewish Antibiotic« bekannt. (Grot, 2021)
In der TCM gelten Kraftsuppen als grundsätzlich Qi-aufbauend und werden daher auch als Qi-Tonikum umschrieben oder als »Qi in flüssiger Form«. Ein Zitat von Hippokrates lässt sich bei der Zubereitung von Kraftsuppen gut in die Tat umsetzen: »Deine Nahrung soll deine Medizin sein und deine Medizin deine Nahrung.« Kraftsuppen sollten keine »bittere Medizin« sein, sondern vorzüglich und rund schmecken. Es ist ein Balance-Akt, Medizin zu kreieren, die auch schmeckt.
Rezepte
Rote Kraftbrühe vom Gartengemüse
Ein veganes TCM-Rezept für Schwangerschaft, Wochenbett & Stillzeit
Zutaten (für 4–5 Liter)
- 50 g getrocknete Shiitakepilze
- 50 g getrocknete Tomaten
- 4 große Möhren
- 200 g Knollensellerie
- 2 rote Zwiebeln
- 1 Stange Lauch
- 2 große Pastinaken
- 2 große Petersilienwurzeln
- 5 EL Rapsöl
- 4–5 Liter Wasser
- 200 g Stangensellerie
- 6 Gewürznelken
- 10 Kardamomkapseln
- ½ TL naturbelassenes Salz
- 1 mittelgroße Rote Bete
- 15 g frischer Ingwer
- 30 g Rosenblütenblätter
Zubereitung
- Vorbereitung: Shiitakepilze und Tomaten in eine kleine Schale geben, mit kochendem Wasser übergießen, abdecken und beiseite stellen. Sämtliche Gemüse putzen, waschen und nur bei starken Erdanhaftungen schälen. In grobe Stücke schneiden, etwa 5 × 5 cm.
- Brühe ansetzen: Öl in einem sehr großen Topf erhitzen. Das vorbereitete Gemüse darin rundherum etwa 5 Minuten kräftig anbraten. Es darf goldbraun werden, jedoch nicht anbrennen oder Rauch entwickeln. Mit Wasser aufgießen. Stangensellerie in Stücken sowie Gewürze und Salz hinzufügen.
- Langes Köcheln: Bei geschlossenem Deckel mindestens 3 bis 5 Stunden sanft köcheln lassen. Zwischendurch gegebenenfalls mit heißem Wasser auffüllen, falls zu viel verdampft ist.
- Pilze und Tomaten zugeben: Nach etwa 2 Stunden die eingeweichten Shiitake und Tomaten samt Einweichwasser zur Brühe geben.
- Finale Zutaten: 30 Minuten vor Ende der Kochzeit Rote Bete und Ingwer in Scheiben schneiden und mit den Rosenblüten zur Suppe geben. Deckel auflegen, Hitze reduzieren und nur noch simmern lassen.
- Abseihen und Abfüllen: Brühe durch ein Metallsieb gießen, noch heiß in sterile Schraubgläser füllen und fest verschließen. Alle festen Bestandteile verwerfen – laut TCM enthalten sie nach langer Kochzeit kein Qi mehr.
Goldene Kraftbrühe vom echten Suppenhuhn
Ein klassisches TCM-Rezept für Schwangerschaft, Wochenbett & Stillzeit
Zutaten (für 4–5 Liter)
- 1 Bio-Suppenhuhn (1–1,5 kg)
- 4–5 Liter Wasser
- 4 große Möhren
- 400 g Sellerieknolle
- 2 Zwiebeln
- 3 große Pastinaken oder Petersilienwurzeln
- ½ TL naturbelassenes Salz
- 15 g frischer Ingwer
Zubereitung
- Vorbereitung: Das Suppenhuhn unter fließendem kaltem Wasser abspülen. Tiefkühlware vollständig auftauen. Wichtig: Beim Umgang mit Geflügel unbedingt auf Küchenhygiene achten! Gemüse putzen und waschen – schälen nur bei starken Erdrückständen. In grobe Stücke von 5 × 5 cm schneiden.
- Brühe ansetzen: Den größten Topf der Küche zur Hälfte mit kaltem Wasser füllen und das Huhn einlegen. Deckel auflegen und zum Kochen bringen. Dabei entstehenden Schaum mit einer Schaumkelle abschöpfen.
- Sehr langes Köcheln: Alles Gemüse und das Salz in den Topf geben. Dann so viel Wasser hinzufügen, dass die Gesamtmenge etwa 5 Liter ergibt. Bei geschlossenem Deckel mindestens 4 bis 8 Stunden sanft köcheln lassen. Zwischendurch bei Bedarf mit heißem Wasser auffüllen, falls zu viel Flüssigkeit verdampft ist.
- Fleisch entnehmen (optional): Nach circa 1,5 Stunden kann das Fleisch ausgelöst und später als Einlage verwendet werden. Knochen, Knorpel und Haut zurück in den Topf geben.
- Finale Zutat: 30 Minuten vor Ende der Kochzeit den Ingwer in Scheiben schneiden und hinzufügen. Deckel auflegen, Hitze stark reduzieren und nur noch simmern lassen.
- Abseihen und Abfüllen: Brühe durch ein Metallsieb gießen, noch heiß in sterile Schraubgläser füllen und fest verschließen. Alle festen Bestandteile verwerfen – laut TCM enthalten sie nach langer Kochzeit kein Qi mehr.
Der kulinarische Aspekt unterscheidet die Kraftsuppe deutlich von den mitunter sehr exotisch schmeckenden Essenzen und Dekokten, also abgekochten chinesischen Heilkräutern und -wurzeln. »Der Mensch sollte sich auf die nächste Portion Kraftsuppe freuen und Appetit darauf zeigen!« (Grot, 2021) Gut zu wissen: Je länger die Kochzeit ist, desto höher wird der Qi-Gehalt der Kraftsuppe.
Kraftsuppen werden aus gängigen Lebensmitteln hergestellt, die es in jedem Supermarkt oder Naturkostladen zu kaufen gibt – hier verfeinert mit Rosenblüten.
Foto: © Suse Grot
Als »Pionierin der Kraftsuppen« gilt die TCM-Heilpraktikerin Karola Schneider, die bereits vor Jahrzehnten ein Kochbuch für Kraftsuppen für die westliche Küche herausgebracht hat. Über die Kochzeit sagt sie: »Die chinesische Heilkunde beschreibt das lange Köcheln der Zutaten einer Kraftbrühe als eine Transformation der Substanzen in Energie.« (Schneider, 1999)
Schmackhafter Nebeneffekt: Je länger die Kochzeit, desto intensiver auch das Umami-Aroma. Diese Geschmacksrichtung lässt die Suppe für den Gaumen herzhaft, lecker und köstlich werden. Um dieses an Fleischgeschmack erinnernde Geschmackserlebnis auch in veganen Kraftbrühen zu erzeugen, kommen fachkundig ausgewählte, sogenannte Umami-Booster zum Einsatz: zum Beispiel Shiitake, Tomaten, Kombu-Algen, Miso-Paste, Soja-Soße.
Geschmacksverstärker wie Mononatriumglutamat (E 621), Zucker, Alkohol, künstliche Aromen oder Milchprodukte haben in TCM-Kraftsuppen nichts zu suchen. Daher eigenen sich Kraftsuppen auch gut für Menschen mit Allergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Selberkochen birgt auch deshalb einen großen Vorteil: Nicht die Lebensmittelindustrie bestimmt, sondern ich entscheide, was in den Topf kommt.
Buchtipps
- Rieckmann, R. (2017). Kraftsuppen & Essenzen – Heilen und genießen mit den fünf Elementen
- Schneider, K.B. (2017). Kraftzeiten nach der Chinesischen Heilkunde – 140 einfach- originale Kochrezepte zur Stärkung, Reinigung und für inneres Gleichgewicht
- Trebuth, B., Trebuth, F. (2025). Handbuch TCM-Ernährung – Fünf Elemente Ernährung & Diätetik: Das gesammelte Wissen
Suse Grot
Pflanzlich oder tierisch?
Im Folgenden werden zwei erprobte Rezepturen vorgestellt: eine pflanzenbasierte Variante mit Roter Bete und eine klassische Hühnerbrühe – und es wird erläutert, wann welche sinnvoll sein kann. Gemeinsam ist beiden: Sie wärmen die Mitte unmittelbar und machen so das Vertrauen in ihre heilsame Wirkung spürbar.
Rote Kraftbrühe vom Gartengemüse
Die farbintensive vegane Brühe auf Basis von Rote Bete, Wurzelgemüse, Shiitakepilzen, Rosenblüten und wärmenden Gewürzen entfaltet durch ihre lange Kochzeit von drei bis fünf Stunden eine tiefe, harmonische Wirkung. Sie eignet sich gut für den Einstieg in die Wochenbettzeit, besonders wenn die junge Mutter tierische Produkte nicht wünscht oder verträgt (siehe Kasten: Rezepte).
Die im Rezept enthaltenen Rosenblüten sind in der TCM für ihre beruhigende Wirkung auf Geist und Psyche bekannt. Sie sind ein sanftes, harmonisches Mittel, um das Qi zu bewegen und zu harmonisieren. Die Wirkung ist leicht und kontinuierlich – besonders geeignet für sensible Wöchnerinnen.
Kraftbrühe vom echten Suppenhuhn
Die klassische Brühe mit einem echten Suppenhuhn (idealerweise eine ehemalige Legehenne mit kräftigem Gewebe und starken Knochen) liefert eine intensive Basis für alle Frauen nach der Geburt, besonders solche mit großem Energieverlust, starkem Blutverlust oder Kaiserschnitt (siehe Kasten: Rezepte).
Das Knochengerüst des Huhns enthält wichtige Mineralstoffe wie Zink und Calcium, die nur durch sehr langes Kochen freigesetzt werden können. Hühnersuppe hat den Ruf, ein Hausmittel gegen Erkältungen zu sein, und seiner Heilkraft als »Seelensüppchen« wird in sämtlichen Kulturkreisen geglaubt. Das trägt auch zur Erfolgshistorie bei: Es scheint eine Art globales Hühnersuppen-Gedächtnis zu geben!
Die klassische Brühe mit einem Suppenhuhn liefert eine intensive Basis für alle Frauen nach der Geburt.
Foto: © Merle Lange
Die Ökotrophologin Claudia Gaster betont die ganzheitliche Wirkung von Hühnersuppe, die sowohl durch ihre Zutaten als auch durch die warme Zubereitung zur Abwehr von Krankheitserregern beiträgt. Sie fordert, Lebensmittel in ihrer Gesamtheit zu betrachten und dabei »die synergetischen Wechselwirkungen der einzelnen Bestandteile« zu erforschen (Gaster, 2011).
Die Chinesische Diätetik verfolgt einen ähnlichen Ansatz, indem sie Rezepturen gezielt auf eine harmonische Wirkung aller Funktionskreise abstimmt.
Da die Kraftbrühe vom Suppenhuhn eine schnelle Regeneration nach großem Kraftverlust fördert, kann sie bei veganer und vegetarischer Lebensweise und gleichzeitiger Schwäche als eine temporäre therapeutische Ausnahme sinnvoll sein.
Besondere Zubereitung: Das Huhn wird gemeinsam mit aromatischem Wurzelgemüse, Gewürzen und frischem Ingwer ausgekocht – über mindestens 4–8 Stunden. Diese Rezeptur wird besonders köstlich durch den hohen Anteil an Gemüse. Anders als bei europäischen Hühnersuppen, die meist nur ein kleines Bündel Suppengrün enthalten, beträgt das Verhältnis Fleisch zu Pflanze ungefähr eins zu eins.
Das bedeutet, dass die Suppe nicht Säure bildend auf den Körper wirkt, sondern Basen spendet. Das wiederum macht sie besser bekömmlich. Das Geschmacksbouquet ist rund und es gibt keinen vordergründigen Huhn-Geschmack.
| Merkmal | Gartengemüse | Suppenhuhn |
| Wirkung | sanft wärmend | stark wärmend |
| Qi-Aufbau | leicht vermehrend | stark vermehrend |
| Yin-Aufbau | stark | leicht |
| Yang-Aufbau | medium | stark |
| Blut-Aufbau | leicht | stark & intensiv |
| Milchbildungsförderung
(Xue-Stärkung) |
unterstützend | stark anregend |
| Geist (Shen) | stark beruhigend | harmonisierend |
| Bekömmlichkeit | sehr gut | sehr gut |
| Kochzeit | 3–5 Stunden | 4–8 Stunden |
Tabelle: Im Vergleich: pflanzliche und tierische Kraftbrühe
Küchenpraxis
Für das Kochen von Kraftsuppe auf Vorrat empfiehlt sich ein großer Topf mit mindestens zehn Litern Fassungsvermögen. Ideal ist ein langlebiger Edelstahltopf mit Deckel, der auf allen Herdarten funktioniert. Ein solcher Topf, am besten schon mit Suppe gefüllt, ist auch ein wunderbares Geschenk für frischgebackene Familien. Kraftsuppen werden aus gängigen Lebensmitteln hergestellt, die es in jedem Supermarkt oder Naturkostladen zu kaufen gibt. Chinesische Kräuter oder spezielle Heilpflanzen können von erfahrenen TCM-Therapeut:innen ergänzend verordnet werden.
Dosierung und Anwendung
Von beiden Brühen werden traditionell drei- bis viermal täglich je 150 ml getrunken – am besten warm, vor oder zwischen den Mahlzeiten. Die Anwendung über mehrere Tage hinweg hat sich besonders im frühen Wochenbett bewährt, am besten direkt nach der Geburt als erstes Getränk.
In asiatischen Ländern ist es üblich, in der gesamten Zeit des Wochenbetts Kraftsuppe zu trinken, also 6–8 Wochen lang! Mit den zwei Rezepten gibt es Abwechselung im Wochenbett und der Freundeskreis oder die Familie kann auf alle Fälle behilflich sein beim Versorgen und Bekochen.
Wichtig: Aufgrund der aktivierenden Wirkung kann der spätabendliche Verzehr den Schlaf stören – besonders bei sensiblen Personen.
Cave: In der TCM gelten sogenannte Fülle-Zustände – also akute Beschwerden, die mit Hitze oder Entzündung einhergehen – als Kontraindikation. Dazu zählen beispielsweise Fieber, Infekte, Migräne oder Brustentzündung in der Stillzeit. In solchen Fällen empfiehlt es sich, vorübergehend auf Kraftsuppen zu verzichten, da diese den Körper zusätzlich erwärmen und die Symptome verschlimmern könnten.
Aus einem Gespräch mit Katharina Trippen
Wenn das Franzbrötchen lockt
Zwischen zwei Hausbesuchen, inmitten des Hamburger Stadtverkehrs, nimmt sich Beleghebamme Katharina Trippen Zeit für ein Gespräch per Telefon über Ernährung, Versorgung und kulturelle Unterschiede im Wochenbett. Sie arbeitet in der »Praxis Am Alsterlauf« in Hamburg und begleitet seit über 25 Jahren Frauen durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Ein Blick auf Ernährung und Realitäten im Wochenbett.
Von Suse Grot
Gelüste und Sorgen
In ihrem Arbeitsalltag beobachtet Katharina, dass Schwangere heute weniger über Süßgelüste sprechen, sondern über Schuldgefühle. »Ich werde gefragt: ›Ist es ok, wenn ich ein Franzbrötchen esse?‹ Oder: ›Darf ich noch ein Eis?‹«, erzählt sie. Ihr empathischer Ansatz ist klar: »Natürlich kannst du essen, was du willst.«
Wenn Schwangere unter Übelkeit leiden und nur »eine Tüte Haribo« hilft, gibt es von Katharina grünes Licht – nicht als Ernährungsempfehlung, sondern als Haltung zu undogmatischer Selbstfürsorge: »Das schlechte Gewissen ist oft das größere Problem.«
Über das Grübeln klärt Katharina auf: »Wir sind Säugetiere, die den Instinkt haben, ihre Nachkommen zu schützen und zu pflegen. Dieser Instinkt greift ungefähr in der zehnten Schwangerschaftswoche. Die Mutter-Kind-Bindung fängt mit dem Gedanken an Ernährung an: ›Reicht es für mein Kind?‹ Richtig Sorgen machen sollten sich Frauen erst, wenn sie existenziell bedroht oder unterernährt sind – etwa in Kriegsgebieten oder auf der Flucht.«
Ernährung als Spiegel der sozialen Lage
Deutlich weist Katharina darauf hin, dass Bio und Nachhaltigkeit bei vielen Familien nur bedingt eine Rolle spielen können – besonders seit den wirtschaftlichen Einschnitten der letzten vier Jahre. »Beim ersten Kind geht Bio noch. Bei weiteren fehlen oft die Mittel.«
Die klassische Großmutter mit der hausgemachten Hühnersuppe ist zur Ausnahme geworden. Dafür organisieren Freundeskreise heute kreative Hilfe, die oft zwei volle Wochen andauert und dankbar angenommen wird. »Da stehen dann frisch gebackenes Brot, warme deftige Eintöpfe und andere Leckereien vor der Tür – aber, ganz wichtig: Es wird nicht geklingelt!«
Kulturelle Unterschiede im Wochenbett
Katharina berichtet eindrucksvoll von asiatischen Familien, die Wochenbettkultur konsequent leben. Angehörige aus Korea oder China reisen von weit her an, ziehen mit ein in die Hamburger Wohnung und übernehmen mehrere Wochen lang die Versorgung. Manche bleiben bis zu drei Monate. Mitunter führe dies zu Spannungen, aber dafür gebe es immer etwas frisch Gekochtes. »Da steht die Oma den ganzen Tag am Herd und kocht Kraftsuppen. Diese Wöchnerinnen sind dann richtig gut genährt und es geht ihnen rundum fantastisch – sie haben Milch in Hülle und Fülle und sie halten kompromisslos Wochenbett.«
Urbane Väter und Lieferservices
»Viele Papas hier in Hamburg kochen aktiv fürs Wochenbett«, sagt Katharina. Sie meint damit urbane, privilegierte Väter. Doch auch für andere Familien gilt: Hauptsache entlasten, nicht stressen. Ob Kochbox, Lieferservice oder Vorräte – Katharina rät: »Essen muss da sein, egal wie. Und wenn etwas im Haus ist, wird meist auch gekocht.«
Was Hebammen (nicht) lernen
Ein kritischer Blick auf die Hebammenausbildung zeigt: Ernährung war lange kaum ein Thema. »Ernährung wurde höchstens unter dem Aspekt von Infektionsgefahren angeschnitten, beispielsweise durch Rohmilchprodukte.« Heute verweist Katharina bei Fragen an spezialisierte Ernährungsberater:innen. Gleichzeitig bleibt sie im Kontakt mit den Frauen in ihrer pragmatischen Haltung deutlich. Auch, wenn der Appetit direkt nach der Geburt verschwunden ist: »Der Hunger kommt schon irgendwann wieder. Und dann iss, worauf du Lust hast.«
Ihr Tipp nach der Geburt lautet: mindestens eine warme Mahlzeit am Tag. Für Kraft und Milchbildung und zur allgemeinen Rückbildung empfiehlt sie ausdrücklich regelmäßig langgekochte Kraftsuppen. »Das eine bedingt immer das andere: In dem Moment, wo man als vulnerabler Mensch – egal in welcher Lebensphase – gut genährt wird, hilft das der Seele und dem Körper.«
Klinikalltag und private Rituale
In deutschen Kliniken ist Ernährung meist standardisiert, vegane Optionen fehlen oft und spezielle Postpartum-Gerichte gibt es schon gar nicht. Im privaten Rahmen zeigt sich, wie wichtig vertraute Rituale sind: Nach langen Nachtschichten freut sich Katharina auf herzhafte Spaghetti Bolognese, gekocht von ihrem Mann und »mit echtem Bio-Fleisch natürlich«. Ihre Offenheit macht deutlich, worauf es ankommt: nicht Perfektion, sondern Fürsorge.
Gelassenheit als Ressource
Zum Abschluss möchte die Hebamme noch einen Appell aussprechen: »Nicht alles zerdenken. Wir sind privilegiert – auch wenn nicht immer alles möglich ist. Frauen müssen sich nicht schlecht fühlen, wenn nicht jedes Lebensmittel perfekt ist. Das Baby wird trotzdem super!«
Haltbarkeit und Aufbewahrung
- Ohne Einlage: im Kühlschrank (max. 8 °C) mindestens 2 Wochen haltbar
- Mit Einlage: innerhalb von 2–3 Tagen verbrauchen
- Tipp: Einfrieren ist möglich – aus TCM-Sicht nicht ideal, aber praktikabel.
Serviervorschlag und mobile Anwendung
Die Brühe vor dem Verzehr im Topf erwärmen und nach Geschmack mit Sojasauce, Zitronensaft und frischen Kräutern abschmecken.
Für eine vollständige Mahlzeit:
- Gemüse in wenig Öl andünsten
- Mit Brühe aufgießen
- Vorgekochtes hinzufügen, zum Beispiel Reis, Nudeln, Tofu oder das ausgelöste Hühnerfleisch.
Auch unterwegs ist der Einsatz unkompliziert: Die Brühe kann vorgewärmt in einer Thermoskanne mitgenommen oder im Fläschchenwärmer erhitzt werden (Mikrowelle möglichst meiden – wird in der TCM nicht empfohlen).
Vorratsliste für Schwangerschaft und Stillzeit
Ein sinnvoller Vorrat hilft, spontane oder versorgungsarme Phasen gut zu überstehen:
- Getreide: Hafer, Hirse, Quinoa, Dinkel (ganz oder in Flocken)
- Gemüse: Kürbis, Möhren, Süßkartoffel, Rote Bete, Petersilienwurzel
- Hülsenfrüchte: Geschälte rote oder gelbe Linsen, Tofu, Kichererbsen
- Vom Tier: Eier, Kaltwasserfische, Huhn, Ziege, Rind
- Fette und Samen: Butter, Ghee, Rapsöl, Leinöl, Mandeln, Erdnüsse, Sesam, Kokosmilch
- Obst: Datteln, Aprikosen, Apfel, frisches Beerenobst.
- Würze und Tees: Frischer Ingwer, Fenchel-Anis-Kümmeltee, Kardamom, Vanille, frische Kräuter, glutenfreie Tamari-Soja Soße (Siedentopp, 2013 – Liste erweitert durch Autorin).
Fazit
Ob vegan oder tierisch: Beide Varianten der Kraftbrühe sind wertvolle Begleiter für die Wochenbettzeit. Auch Schwangere können sie genießen, da keine wehenfördernden Gewürze enthalten sind. Die Wahl richtet sich nach individuellen Bedürfnissen, Konstitution, Lebensweise und medizinischer Situation. In jedem Fall sind Kraftsuppen eine nährende Wohltat für Körper und Seele – und auch Hebammen in der Klinik oder im Einsatz können davon profitieren.
Tipps für Schwangere und Wöchnerinnen
- Meal-Prep planen: Brühen vorkochen und einwecken – ideal für die ersten Tage mit Baby. Zu viel Arbeit? Es gibt mittlerweile TCM-Kraftsuppen in Originalflüssigform und als Instantpulver bei TCM führenden Apotheken und in einschlägigen Online-Shops, die Kraftsuppen aus der Manufaktur anbieten.
- Wochenbett-Catering: Anstelle von Babystrampler oder Kuscheltier sich lieber Selbstgekochtes schenken lassen.
- Kraftfrühstück statt Müslischock: Warme Frühstücke wie Porridge mit Obstkompott oder herzhaftes Congee (asiatischer Reisbrei) stabilisieren den Blutzucker, wärmen die Mitte und liefern viel Lebensenergie. Das ist bekömmlicher als rohe Haferflocken mit rohem Obst oder Vollkornbrot mit Marmelade.
- Weniger ist mehr: Lieber einfache Gerichte mit wenigen Zutaten, aber warm und regelmäßig. In der TCM sagt man: »Die Mitte liebt es einfach.«
- Trinken: Am besten warm oder zimmerwarm, ideal sind Fencheltee, Kirschsaft verdünnt mit Wasser oder einfach nur warmes Wasser.
- Koffeinhaltige Getränke austauschen gegen Kraftsuppe: Oft steckt hinter der Kaffeelust einfach nur eine kalte Mitte, die nach Wärme verlangt, oder eine schwache Mitte, die genährt sein möchte.
Gaster, C. (2011). Das Geheimnis der Hühnersuppe.
Grot, S. (2021). Pures Qi im Teller.
Rennard, B. O., Ertl, R. F., Gossman, G. L., Robbins, R. A., & Rennard, S. I. (2000). Chicken soup inhibits neutrophil chemotaxis in vitro. Chest, 118(4), 1150–1157. https://doi.org/10.1378/chest.118.4.1150
Schneider, K. (1999). Kraftsuppen nach der Chinesischen Heilkunde – Wohltuende und stärkende Fünf-Elemente-Suppen für die westliche Küche. Joy-Verlag.
Siedentopp, U. (2025). Schatzkammer der TCM: Brühen, Suppen, Congees.
Siedentopp, U. (2013). Integrative Ernährungstherapie in Schwangerschaft und Stillzeit. Dtsch Z Akupunkt 56, 41–44. https://doi.org/10.1016/j.dza.2013.06.017



