Veränderung braucht Bewegung und eine gute Kommunikation im Team. Auch aus dem Tierreich lassen sich diese existenziellen Eigenschaften ablesen. Foto: © Markus Heimbach

Wer etwas bewegen will, muss sich selbst bewegen. Eine Philosophie, die im Evangelischen Krankenhaus in Oldenburg seit einigen Jahren Veränderungen bewirkt und Früchte trägt. Dafür braucht es ein Team, das sich untereinander motiviert, reflektiert, kritisiert, nicht in Gewohnheiten verharrt. Ein Blick hinter die Kulissen.

Das geburtshilfliche Team im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg besteht aus 19 Hebammen mit unterschiedlichen Stellengrößen, einem Chefarzt, vier OberärztInnen und neun AssistenzärztInnen. Sie begleiten im Jahr über 1.200 Geburten ab der 37. Schwangerschaftswoche, eine Kinderklink ist im Haus nicht vorhanden. Der Erfahrungsschatz der KollegInnen ist unterschiedlich, einige arbeiten auch zusätzlich freiberuflich.

So wie wir jetzt arbeiten, beruht auf starken Veränderungen und großem Engagement aller Beteiligten. Die Motivation bestand und besteht weiterhin darin, dass wir Frauen begleiten und unterstützen, ihre Geburt selbstbestimmt zu gestalten. Sie sollen ihre Geburt als positives Ereignis in Erinnerung behalten, gestärkt daraus hervorgehen und nicht sagen müssen: Ich bin entbunden worden. Sondern: Ich habe aus eigener Kraft geboren. Wir möchten so wenig wie möglich in die Geburt eingreifen.

Von der Horizontale in die Vertikale

Ein Blick zurück: 1990 sah die Geburtshilfe in Oldenburg im Evangelischen Krankenhaus noch ganz anders aus. Wir betreuten 700 Geburten im Jahr. Es war üblich, dass die Gebärende zum Pressen auf dem Rücken lag und einen Dammschnitt bekam. Nach einem Blasensprung durfte sie wegen möglicher Infektionsgefahr nicht mehr baden. Erste Veränderungen kamen 1993 mit dem Umzug in neue Räume. Mehr Platz war vorhanden und so konnten wir den Gebärenden mehr Bewegung im Kreißsaal ermöglichen, was sie gerne nutzten. Der erste Hocker wurde angeschafft. Der ehemalige Chef wollte in seinem Alter aber nicht mehr auf dem Boden hocken. So kam der Hocker aufs Bett – eine wackelige Angelegenheit.

Wir begannen nebenbei freiberuflich in der Geburtsvorbereitung und Wochenbettbetreuung zu arbeiten und etablierten die Elternschule, der Grundstein einer kontinuierlichen Geburtsbegleitung. Wir bekamen eine sehr engagierte leitende Hebamme. Manche Kollegin beäugte zunächst vorsichtig die anderen Arbeitsweisen. In den Teamsitzungen hielten wir kurze Fortbildungseinheiten, um jede Kollegin abholen zu können. Andere Kolleginnen waren schnell mit Begeisterung dabei. Vor allem das Feedback der betreuten Frauen, die sich in der aufrechten Gebärposition wohlgefühlt hatten, brachte die Motivation, den Weg weiterzugehen. Vor dem Chefarztwechsel hielten wir unsere Arbeitsweisen in Standards fest, um diesen Stand gegenüber etwaigen anderen Ansichten eines neuen Chefs halten zu können. Zuvor hatten wir keine schriftlichen Verfahrensanweisungen und hatten unsere neuen Kolleginnen nur mündlich eingewiesen. Doch der neue Chef und das neue Ärzteteam waren selbst sehr motiviert, interventionsarme und selbstbestimmte Geburtshilfe zu leisten. Für viele ÄrztInnen war die Lautstärke im Kreißsaal bekannt, aber das ausgiebige Tönen und die zunehmenden Geburten aus vertikaler Position waren für einige gewöhnungsbedürftig.

In interprofessionellen Fortbildungen lernten wir, eine gemeinsame Geburtshilfe anbieten zu können. So erleben die Gebärenden eine kontinuierliche und auf einer von allen Seiten geteilten Philosophie beruhende Geburtsbegleitung, auch wenn die Schicht wechselt. Wir wuchsen zu einem Team von gleichberechtigten Mitgliedern zusammen. Weitere gemeinsame Fortbildungen geben uns immer wieder Anregungen zur Überprüfung unserer Arbeitsweise, die wir gegebenenfalls dann ändern. Beispielsweise vereinbarten wir die Indikation zu einer Geburtseinleitung gemeinsam zu stellen und mit der Schwangeren zu besprechen. Während die beginnende Plazentainsuffizienz als Grund für eine Schwangerschaftsbeendigung von ÄrztInnen diagnostiziert wird, können im gemeinsamen Gespräch mit der Schwangeren für die subjektiv wahrgenommenen Beschwerden oft andere Lösungswege als eine langwierige und manchmal frustrane Geburtseinleitung gefunden werden.

Ein wichtiger Schritt zur Wunscharbeitsweise war auch der neue Eintrag ins Geburtenbuch, in welcher Position die Frau geboren hat. Nun machte jede Hebamme ihre Geburtsarbeit transparent. Somit überprüfte sie sich, gegebenenfalls veränderte sie sie und sie ließ sich auch kritisieren. Dieser Prozess wurde dadurch begleitet, dass wir uns gegenseitig zu Geburten hinzuzogen und voneinander lernten. Das ist im Klinikalltag eigentlich nicht so vorgesehen und oft gibt es auch keine Zeit dafür. Es ist uns aber wichtig und wir denken daran, wenn die Situation im Kreißsaal es zulässt.

Die Balance finden

Die Arbeit zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen, um Veränderungen herbeizuführen, kann konstruktiv wertschätzend geschehen, kann aber auch zu Neid und Konkurrenz führen. Dann die Balance zu finden, die gegenseitige Hospitation als Ergänzung und Veränderung und letztlich Bereicherung unserer Arbeit zu erfahren, bedarf eines hohen Maßes an Respekt und Wertschätzung. Ein gutes Instrument dazu ist das Gespräch im Geburtshelferteam direkt nach der Geburt. Auch fragen wir im Dienst nach kollegialem Rat. So ergibt sich schon in der Problembeschreibung oft Klarheit für den möglichen weiteren Geburtsverlauf. Die zweite Sicht auf die Situation hilft ebenso.

Unser Team ist in den letzten Jahren gewachsen. Wichtig ist eine umfassende Einarbeitung und Integration neuer Kolleginnen, um Handlungskompetenzen für eine einheitliche Geburtsbegleitung zu schaffen. So lernen sie auch unser Rollenverständnis kennen:

Die Hebamme betreut die Gebärende und gestaltet mit ihr zusammen die Geburt. Die Ärztin oder der Arzt ist verantwortlich für das Erkennen von Risiken und die Behandlung von Störungen im Geburtsablauf. Dabei hilft die Hebamme durch wachsames Beobachten und einfühlsame Betreuung der Gebärenden. Die Hebamme hilft bei ärztlichen Maßnahmen. Die Überschneidungen der Berufsgruppen sind dabei offensichtlich. Und bekanntermaßen ist der Erfahrungsschatz mitunter unterschiedlich – aber wir lernen gern und viel voneinander. Einig sind wir uns darin, die Gebärende möglichst individuell zu begleiten und so gemeinsam die Energie und die Zuversicht der Gebärenden in die eigene Kraft zu mobilisieren.

In interprofessionellen Teamsitzungen und Dienstübergaben bemerken wir jedes Mal auch unsere verschiedenen Charaktere: die „Mutigeren“, die „Waghalsigen“, die „Vorsichtigen“ und die „Ängstlichen“. Das birgt Konflikte, die durch Gespräche oft gelöst werden. Einige Spannungen kamen bei einer gemeinsamen Supervision an die Oberfläche und wurden offen diskutiert.

Wir trafen Absprachen zur Regelung des Arbeitsalltages. Ausnahmen dieser Vereinbarungen gibt es nur, wenn sie erforderlich sind. Um für jede Gebärende Zeit haben zu können, gilt die Absprache, höchstens zwei Schwangere pro Tag einzuleiten. Liegen aber wichtige medizinische Indikationen vor, so sprechen wir das weitere Vorgehen unter den anwesenden ÄrztInnen und Hebammen auch im Hinblick auf folgende Schichten ab.

Gerade bei schwierigen Geburten ist es uns wichtig, dass Entscheidungen für alle Beteiligten nachvollziehbar und verständlich bleiben und dann auch gemeinsam und einheitlich mit der Gebärenden kommuniziert werden. In der Schwangerenambulanz erfolgte Geburtsplanungen werden nachvollziehbar dokumentiert, individuelle Wünsche in der geburtshilflichen Akte vermerkt und Geburtsbesonderheiten oder Gebärende mit besonderen Risikofaktoren für die schnelle Information aller im Kreißsaal Tätigen gesondert erfasst.

Beispielsweise wird im Teamgespräch entschieden, dass bei einer geplanten vaginalen Geburt einer extrem adipösen Schwangeren oder bei einer Erstgebärenden, die ihr Kind aus Beckenendlage spontan gebären möchte, ein besonders erfahrener Geburtshelfer verfügbar sein muss. In den letzten Jahren haben wir vieles von dem erreicht, was wir uns gewünscht hatten: 87 Prozent der Spontangeburten finden außerhalb des Bettes statt. Die meisten Frauen gebären auf dem Hocker. Aber auch für die stehende oder kniende Geburt, für die Geburt im Wasser und die Vierfüßlerstand-Position kann sich die Gebärende entscheiden. Mit den Episiotomien haben wir nach und nach mehr oder weniger aufgehört: Während auch bei uns vor 15 Jahren noch bei etwa der Hälfte der Frauen bei vaginalen Geburten ein Dammschnitt durchgeführt wurde, ist das jetzt noch bei etwa acht Prozent der Fall – bei nur leicht gestiegener Rate an leichten Verletzungen. Die Rate der intakten Dämme hat sich hingegen von 25 auf 50 Prozent verdoppelt.Auch das persönliche Wort im Team sorgt für gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz. So ergeben sich durch gemeinsame Feiern Einblicke in das private Leben, was zum Zusammenwachsen des Teams beiträgt.

Resümee

Die Philosophie unserer Geburtshilfe resultiert aus einem jahrelangen Prozess des miteinander Lernens. Dazu gehören gemeinsame Fortbildungen und der Erfahrungsaustausch im Team sowie Wertschätzung und Respekt der Berufsgruppen. Das Teamgefühl will erarbeitet sein und das braucht Zeit.

Hebammen sind es gewohnt, alleine zu arbeiten. Der Prozess der Teambildung bedarf der kontinuierlichen Fortführung. Wir arbeiten jeden Tag daran, ein gutes Team zu bleiben. Nicht stehenzubleiben, sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen. Nicht aus den Augen zu verlieren, was wir wollen. Selbst in Gesprächen im Team im Hinblick auf das Schreiben dieses Artikels – der ebenfalls in Teamarbeit entstand – fiel uns auf, dass wir weiterhin gut kommunizieren müssen – nach Innen und nach Außen.

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