Eine kontinuierliche Kontrolle der Blutzuckerwerte kann bei Schwangeren mit Gestationsdiabetes ein übermäßiges fetales Wachstum verhindern. Foto: © Sk Elena/stock.adobe.com
Eine engmaschige Überwachung der Glukosewerte kann bei Schwangeren mit Gestationsdiabetes ein übermäßiges Wachstum des Feten reduzieren. Darauf weisen Ergebnisse einer randomisierten Studie hin, die in Lancet Diabetes & Endocrinology veröffentlicht wurden. Gleichzeitig zeigte sich jedoch eine Zunahme von Geburten mit niedrigem Geburtsgewicht.
Erhöhte mütterliche Blutzuckerspiegel führen beim Feten zu einer gesteigerten Insulinproduktion, die das intrauterine Wachstum antreibt. In der Folge stellt die Makrosomie eine typische Komplikation eines Diabetes mellitus in der Schwangerschaft dar. Betroffen sind dabei nicht nur Frauen mit Typ-1-Diabetes, sondern zunehmend auch Patientinnen, bei denen sich ein später manifester Typ-2-Diabetes zunächst als Gestationsdiabetes bemerkbar macht.
Kontinuierliche Echtzeit-Glukosemessung
Ein Gestationsdiabetes bedarf einer Therapie, um das Risiko von Geburtsverletzungen bei Mutter und Kind sowie einer postnatalen Hypoglykämie des Neugeborenen zu senken. Die Behandlung erfolgt in der Regel diätetisch oder mittels Insulininjektionen. Andere blutzuckersenkende Medikamente werden aufgrund potenzieller fetaler Risiken zurückhaltend eingesetzt.
Vor diesem Hintergrund prüfte die GRACE-Studie, ob der Einsatz einer kontinuierlichen Echtzeit-Glukosemessung (real-time Continuous Glucose Monitoring, rt-CGM), die eine präzisere Anpassung der Insulindosis erlaubt, die Häufigkeit von Neugeborenen mit einem Geburtsgewicht oberhalb der 90. Perzentile (Large for Gestational Age, LGA) verringern kann.
An den Universitätskliniken in Basel, Berlin (Charité), Jena und Wien wurden 375 Schwangere nach Diagnosestellung entweder einer rt-CGM-Gruppe oder einer Gruppe mit punktueller Blutzuckerselbstmessung per Fingerstich (Self-Monitoring of Blood Glucose, SMBG) zugeteilt. Als primärer Endpunkt wurde der Anteil von LGA-Geburten definiert.
Zahl der SGA-Kinder nahm zu
Nach Angaben der Arbeitsgruppe um Christian Göbl von der Medizinischen Universität Wien traten in der rt-CGM-Gruppe bei 6 von 170 Neugeborenen (4 %) LGA-Geburten auf, während es in der SMBG-Gruppe 18 von 175 Kindern (10 %) waren. Die berechnete Odds Ratio von 0,32 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,10 bis 0,87 statistisch signifikant.
Demgegenüber nahm die Zahl der Neugeborenen mit niedrigem Geburtsgewicht (Small for Gestational Age, SGA) von 28 (15 %) in der SMBG-Gruppe auf 33 (19 %) in der rt-CGM-Gruppe zu. Zwar erreichte die Odds Ratio von 0,77 [0,42; 1,40] keine statistische Signifikanz, dennoch weist die Arbeitsgruppe darauf hin, dass ein besonders engesGlukosemanagement möglicherweise mit einem erhöhten Risiko für ein vermindertes fetales Wachstum einhergehen könnte.
Zu leicht abweichenden Ergebnissen kam kürzlich die Schweizer Studie »DiP GlucoMo«. Am Universitätsspital Basel wurden 302 Schwangere entweder einer rt-CGM- oder einer SMBG-Gruppe zugewiesen. Der primäre Endpunkt war ein zusammengesetztes Maß aus SGA, Makrosomie, Polyhydramnion, neonataler Hypoglykämie und Totgeburt.
Wie Sofia Amylidi-Mohr und Kolleginnen und Kollegen im Mai ebenfalls in Lancet Diabetes & Endocrinology berichteten, zeigte sich hierbei kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen. Der primäre Endpunkt trat in der rt-CGM-Gruppe bei 56 Schwangeren beziehungsweise Neugeborenen auf, verglichen mit 50 Fällen (35 %) in der SMBG-Gruppe. Der Anteil von LGA-Neugeborenen lag in beiden Gruppen bei 10 %, ebenso war der Anteil der Feten mit intrauteriner Wachstumsstörung mit jeweils 7 % identisch.
Als möglichen Erklärungsansatz für die unterschiedlichen Resultate nennt Göbl die höhere Zahl täglicher Glukosemessungen in der SMBG-Gruppe der Schweizer Studie, in der im Mittel sechsmal täglich gemessen wurde, gegenüber vier Messungen pro Tag in der GRACE-Studie.
Optimale Blutzuckerzielbereiche weiter präzisieren
Erstautorin Tina Linder von der Medizinischen Universität Wien sieht in Echtzeit-Glukosemesssystemen grundsätzlich ein Potenzial zur Verbesserung der Betreuung schwangerer Frauen mit Gestationsdiabetes, insbesondere bei Patientinnen, die von einer intensiveren Therapie profitieren. Zugleich betont sie die Notwendigkeit, die optimalen Blutzuckerzielbereiche weiter zu präzisieren, um sowohl ein übermäßiges als auch ein unzureichendes fetales Wachstum zu vermeiden.
Quelle: Linder, T., Dressler-Steinbach, I., Wegener, S., Schellong, K., Schmidt, S., Eppel, D., Monod, C., Heinzl, F., Redling, K., Winzeler, B., Mosimann, B., Weschenfelder, F., Groten, T., Mittlböck, M., Jendle, J., Henrich, W., Morettini, M., Bozkurt, L., Tura, A., & Göbl, C.; the GRACE Study Collaborative Group. (2025). Glycaemic control and pregnancy outcomes with real-time continuous glucose monitoring in gestational diabetes (GRACE): An open-label, multicentre, multinational, randomised controlled trial. The Lancet Diabetes & Endocrinology. https://doi.org/10.1016/S2213-8587(25)00288-8 ∙ Amylidi-Mohr, S., Zennaro, G., Schneider, S., Raio, L., Mosimann, B., & Surbek, D. (2025). Continuous glucose monitoring in the management of gestational diabetes in Switzerland (DipGluMo): An open-label, single-centre, randomised, controlled trial. The Lancet Diabetes & Endocrinology, 13(7), 591–599. https://doi.org/10.1016/S2213-8587(25)00063-4 ∙Deutsches Ärzteblatt.de, 17.12.2025 ∙DHZ
