Düfte sollen über das Sinnesorgan Nase glücklich machen. Doch nicht jeder verträgt sie. Allergien und Unverträglichkeiten nehmen zu. Foto: © Colourbox

Zu den häufigsten Allergieauslösern gehören mittlerweile Duftstoffe, die nicht nur in Kosmetik und Reinigungsmitteln vorkommen, sondern auch in Babypflegeprodukten oder Spielzeug. Hebammen sollten darüber Bescheid wissen, um Familien gut zu beraten. 

Dass zunehmende Allergien und Unverträglichkeiten ein wichtiges Thema in der Hebammenarbeit sind, erfährt jede Kollegin in der Betreuung junger Familien. So hat ein Baby, dessen Eltern keine Allergien haben, ein statistisches Risiko von bis zu 15 Prozent, eine allergische Erkrankung zu entwickeln. Hat ein Elternteil oder ein Geschwisterkind eine Allergie, so steigt dieses Risiko auf bis zu 40 Prozent. Haben beide Eltern die gleiche Erkrankung, sind es nach Angaben des Deutschen Allergie- und Asthmabunds sogar 60 bis 80 Prozent (DAAB 2012).

Entsprechend beraten Hebammen zum Stillen beziehungsweise zur Muttermilchernährung, empfehlen gegebenenfalls eine HA-Milch und besprechen Allergien auch beim Thema Einführung von Beikost. Ebenso beraten sie Schwangere und Stillende beim Vorhaben, das Rauchen einzustellen oder zu reduzieren.

Noch recht wenig verbreitet ist allerdings das Wissen darum, dass Duftstoffe inzwischen zu den häufigsten Allergieauslösern gehören. Es sollen bereits eine Million BundesbürgerInnen erkrankt sein, acht Millionen haben die Disposition dazu. Dabei reagieren zwei Drittel der Betroffenen auf synthetische Duftstoffe und ein Drittel auf natürliche. Manchmal pfropft sich das eine später auf das andere noch drauf.

Informationen zur Duftstoffunverträglichkeit
Der DAAB gibt einen Flyer „Alles Dufte?“ mit Basisinformationen heraus, der auch die Beduftung öffentlicher Räume wie Läden und Flughäfen problematisiert. Zudem eine Broschüre „Ratgeber Kinderzimmer“ und „Bewusster leben – Allergien vermeiden“ (auf Babys bezogen/www.daab.de).

Der Flyer des Chemical Sensitivity Network (CSN) darf heruntergeladen und vervielfältigt werden: http://www.csn-deutschland.de/flyer/CSN_Flyer_MCS.pdf

Im Hebammenforum 1/2014 gab es neben einem Artikel „Schwangere und Kinder schützen – Schadstoffe vermeiden“ eine Kopiervorlage zur Ausgabe an Schwangere und Eltern: „Schadstoffe vermeiden“.

Ein multiples Geschehen

Duftstoffunverträglichkeiten treten oft als Teil einer Multiple Chemical Sensitivity (MCS) auf. Die Bezeichnung für dieses Krankheitsbild ist relativ jung – die Übersetzung mit „Vielfältige Chemikalienunverträglichkeit“ findet sich erst seit 2003 bei Wikipedia. MCS ist im deutschen WHO-Register für Krankheiten, dem ICD-10 GM alpha, im Kapitel 19 gelistet, in dem „Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen“ klassifiziert werden.

Fast jeder zweite in Deutschland leidet unter Allergien:

  • Eine Duftstoffallergie gilt als die zweithäufigste Allergie nach Nickel.
  • Unter Asthma leiden laut Fachverband der Lungenfachärzte rund 30 Prozent der Bevölkerung.
  • Migräne betrifft etwa zehn Prozent der Bevölkerung.
  • Schwangere fühlen sich in der Regel durch Düfte „belästigt“.

Bei einigen Klinikneubauten wird dem Problem schon Rechnung getragen: Zum Beispiel wurden im Agaplesion Diakoniekrankenhaus in Hamburg Umweltzimmer eingerichtet, die baubiologisch auf alle möglichen Allergien Rücksicht nehmen und in denen PatientInnen von Pflegenden versorgt werden, die auf Duftstoffe verzichten. Einige Firmen entwickeln Reinigungs-, Desinfektions- und Pflegeprodukte ohne Duftstoffe. Bei den künstlichen Duftstoffen sind es die Hunderte von verarbeiteten Chemikalien und die Weichmacher, die zum Teil sogar im Verdacht stehen, krebserregend zu sein.

Bei den natürlichen Duftstoffen verursachen Zitrus- und Zimtöle, Arnika und Kamille (beides Korbblütler) sowie Teebaumöl und Propolis Probleme – und sind auch noch wassertoxisch (haut & allergie 3/2015). Mal ehrlich: So intensiv, wie einige Putzmittel nach Orangen und Kosmetika nach Rosen duften, erleben wir es nie in der Natur.

Es kommt zu Symptomen der Atemwege oder der Haut, zu Erschöpfung und Schlafstörungen, Muskel- und Gelenkschmerzen. Vergiftungserscheinungen eben.

Im Gegensatz zu einer Kuhmilchallergie haben Betroffene das Problem, dass sie auf die Rücksichtnahme und Unterstützung ihrer Umwelt angewiesen sind, da nur die Vermeidung der Exposition hilft.

Für Betroffene wird es immer schwerer, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, im Internet finden sich dazu beeindruckende Berichte. Die gravierenden Auswirkungen auf eine Partnerschaft schilderte Brigitte Woman bereits im Jahr 2010 in einem Artikel unter dem Titel „Leben wie verrückt“. Hier zeigt sich: Gemeinsame Theaterbesuche, Hotelübernachtungen, Reisen werden massiv erschwert bis unmöglich. Vom Partner beziehungsweise von der Partnerin ist ein hohes Maß an Vorausdenken und Verzicht gefordert.

Prävalenz und Maßnahmen

Die Rate der Erkrankten wird in Deutschland mit 0,5 bis 1 Prozent, in Schweden mit 3,7 Prozent und den USA mit 3,9 Prozent der Bevölkerung angegeben (Bauer & Schwarz 2008). Fraglich ist, ob der Unterschied wirklich so groß ist, oder ob die Diagnose anderswo häufiger gestellt wird, weil das Krankheitsbild mehr im Blick der ÄrztInnen ist. Selbsthilfeorganisationen in Deutschland gehen von 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung aus (CSN-Deutschland Blog).

Doch was tun? Für den einzelnen gibt es nur zwei Maßnahmen: zum einen die Exposition vermeiden, wo immer es geht. Zum anderen bei unvermeidbarem Kontakt nicht in den inneren Widerstand gehen, sondern eine Haltung von „Da muss ich jetzt durch und hinterher sorge ich gut für mich“ entwickeln.

Als Hilfsmittel gibt es Luftreinigungsmaschinen für zu Hause und den Arbeitsplatz sowie Atemschutzmasken mit Kohlenstofffiltern.

Politisch gibt es eine Menge zu tun: Ein Vorbild könnte Schweden sein: Dort sind in der Region Göteborg seit 2008 Duftstoffe bereits in allen 17 Kliniken und in den Arztpraxen verboten. Ein Gesetz für ganz Schweden ist in Vorbereitung. Jetzt schon wird in öffentlichen Einrichtungen durch Aushänge informiert. Auch in den USA und Kanada gibt es teilweise Verbote im Gesundheitswesen. Das deutsche Umweltbundesamt warnt zwar, greift aber nicht durch.

Die Exposition vermeiden

Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt insbesondere vor beduftetem Spielzeug. Leider haben viele Institutionen Duftstoffe bisher hauptsächlich als Kontaktallergene im Blick, also mit Hautreaktionen, aber noch zu wenig als Allergene, die über die Atemwege wirken. So fühlt sich sogar der Deutsche Allergie- und Asthma Bund (DAAB) nicht wirklich zuständig.

Silvia K. Müller vom Chemical Sensitivity Network (CSN) listet schon 2012 folgende Maßnahmen, die sie in Betrieben für wichtig hält:

  • Hinweisschilder zum Verzicht auf Duftstoffe an Eingängen, auf Toiletten und in den verschiedenen Arbeitsbereichen
  • Duftspender auf Toiletten entfernen, statt dessen eine bessere Lüftung einbauen
  • besonders eingeschränkten MitarbeiterInnen gestatten, einen Raumluftfilter in ihrem Arbeitsbereich einzusetzen, ihre Pausenzeiten frei zu wählen, bei Erfordernis eine Aktivkohle-Schutzmaske verwenden zu dürfen
  • Telefon, Intranet, iMessage, Messenger, SMS und andere Möglichkeiten elektronischer Kommunikation nutzen, um MitarbeiterInnen mit schweren Gesundheitsproblemen vor massiver Duftstoffexposition zu warnen.
Als Fallkriterien von MCS gelten laut der Deutschen Gesellschaft Multiple-Chemical-Sensitivity (DGMCS) e.V.:
  • Initiale Symptome im Zusammenhang mit einer belegbaren Expositionssituation (jedoch gegebenenfalls auch ein schleichender Beginn).
  • Die Symptome werden bei der gleichen Person durch unterschiedliche chemische Stoffe bei sehr geringen Konzentrationen ausgelöst (während andere Personen darauf im Allgemeinen nicht mit Gesundheitsbeschwerden reagieren).
  • Die Symptome stehen mit der Exposition in erkennbarem Zusammenhang: Die Symptome sind durch Exposition reproduzierbar, eine Besserung tritt ein bei Expositionskarenz.
  • Die Symptome treten in mehr als einem Organsystem auf (nicht in allen Falldefinitionen gefordert).
  • Es handelt sich um eine länger anhaltende („chronische“) Gesundheitsstörung.
  • Die Beschwerden sind nicht auf bekannte Krankheiten zurückzuführen.

(www.dgmcs.de; siehe Links)


Hinweis: In der nächsten Ausgabe der DHZ wird die Autorin ihre eigenen Erfahrungen mit einer Duftstoffunverträglichkeit sowie ihre Hinweise zu einem „gesunden“ Umgang damit vorstellen.



Infoquellen: Das Chemical Sensitivity Network stellt einen Flyer als PDF zur Verfügung, der heruntergeladen und nachgedruckt werden darf. www.csn-deutschland.de/home.htm

Die Seite Nestbau des Women in Europe for a Common Future (WECF) stellt Apps zur Unterstützung von giftfreien Produkten zur Verfügung. Nestbau wird gefördert vom Umweltbundesamt und dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.


Zitiervorlage
Literatur
Australian Governmental Department of Health and Aging: A scientific review of multiple chemical sensitivity: Working Draft report. November 2008

Bauer A, Schwarz E, Mai C: Multiple Chemical Sensitivity (MCS). Ein Update. In: Umwelt Medizin Gesellschaft 2008. 21(4), S. 9–15

DAAB: Bewusster leben. Allergien vermeiden. 2012