Eine Frühe Pubertät und eine Geburt vor dem 21. Lebensjahr stehen laut aktueller Forschung in Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes, chronischer Herzinsuffizienz und Adipositas im späteren Leben. Foto: © Tatyana/stock.adobe.com
Frauen, die ihre Menarche bereits vor dem 11. Lebensjahr erleben und das erste Kind vor dem 21. Lebensjahr zur Welt bringen, weisen im späteren Leben ein deutlich erhöhtes Krankheitsrisiko auf: Ihr Risiko für Typ-2-Diabetes, chronische Herzinsuffizienz und Adipositas ist doppelt so hoch wie bei Frauen mit späterer reproduktiver Entwicklung. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit für ein metabolisches Syndrom auf das Vierfache.
Diese Zusammenhänge wurden in einer aktuellen Studie mittels Mendelscher Randomisierung aufgezeigt, die in eLife veröffentlicht wurde. Ziel der Forscher:innen war es, die Hypothese der antagonistischen Pleiotropie zu überprüfen.
Ein Forschungsteam um Pankaj Kapahi vom Buck Institute for Research on Aging (Novato, Kalifornien) analysierte hierfür die Auswirkungen einer frühen Menarche sowie einer frühen Erstgeburt – beides Marker einer gesteigerten Fertilität – auf die Gesundheit im höheren Lebensalter. Grundlage bildeten genomweite Assoziationsstudien, die 249 Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs) mit einer frühen Menarche und 67 SNPs mit einer frühen Erstgeburt in Verbindung gebracht hatten.
Konzept der antagonistischen Pleiotropie
Die Theorie der antagonistischen Pleiotropie geht auf Peter Medawar zurück und wurde später von George Williams erweitert. Sie beschreibt, dass Gene meist mehrere physiologische Effekte ausüben. Manche dieser Wirkungen sind in der Jugend von Vorteil, wirken sich jedoch im Alter negativ aus. Evolutionsbiologisch begünstigt werden vor allem genetische Varianten, die die Fortpflanzungsfähigkeit erhöhen – selbst, wenn sie später krankheitsfördernd sind.
Ein klassisches Beispiel ist die Sichelzellanämie: Die Mutation im Hämoglobin-Gen schützt in malaria-endemischen Regionen junge Menschen vor einem frühen Tod, führt aber langfristig durch Sichelzellkrisen zu einer verkürzten Lebenserwartung. Ähnliche Mechanismen wurden auch für Morbus Huntington und Mukoviszidose beschrieben, die zwar die Fertilität steigern, aber die Lebenserwartung reduzieren (BMC Medical Genetics 2021; DOI: 10.1186/1471-2350-12-160).
Ergebnisse der Mendelschen Randomisierung
Im Rahmen der Analyse wurden die SNPs nicht mit dem chronologischen Alter bei Menarche oder Erstgeburt, sondern mit der Häufigkeit altersassoziierter Erkrankungen verglichen. Diese Vorgehensweise minimiert den Einfluss externer Faktoren.
Das Team konnte nachweisen, dass ein späterer Zeitpunkt von Menarche oder erster Geburt mit verschiedenen protektiven Faktoren korreliert: längere Lebensspanne der Eltern, geringere Gebrechlichkeit im Alter, verlangsamte epigenetische Alterungsprozesse, spätere Menopause und eine reduzierte Gesichtsalterung.
Frauen mit späterem reproduktivem Beginn erkrankten zudem seltener an typischen Altersleiden wie Alzheimer-Demenz, Typ-2-Diabetes, kardiovaskulären Erkrankungen, Hypertonie oder COPD.
Nährstoffverwertung als doppelschneidiges Schwert
Einige der identifizierten SNPs lagen in Genen, die bereits in früheren Arbeiten mit Langlebigkeit assoziiert waren – darunter IGF-1, das Wachstumshormon, die AMP-aktivierte Proteinkinase (AMPK) und der mTOR-Signalweg. Das Hauptrisiko vermittelte sich über einen erhöhten Body-Mass-Index.
Kapahi und sein Team vermuten, dass eine effizientere Nährstoffaufnahme kurzfristig die Versorgung von Nachkommen verbessert. Sobald diese jedoch nicht mehr von der mütterlichen Ernährung abhängig sind, kann die gesteigerte Nahrungsverwertung für die Mutter selbst nachteilig werden – mit erhöhtem Risiko für Adipositas und Typ-2-Diabetes.
Quelle: Xiang, Y., Tanwar, V., Singh, P., Follette, L., Narayan, V., & Kapahi, P. (2025). Early menarche and childbirth accelerate aging-related outcomes and age-related diseases: Evidence for antagonistic pleiotropy in humans. medRxiv : the preprint server for health sciences, 2024.09.23.24314197. https://doi.org/10.1101/2024.09.23.24314197 ∙ Deutsches Ärzteblatt, 8.9.2025 ∙ DHZ
