Nach der Geburt ist der Gesprächsbedarf der Frauen nicht zu unterschätzen. Gibt es einen Raum dafür? Foto: © Esther Mauersberger

Mit dem Ansatz der Narrative based Medicine – einer auf Erzählen basierten Medizin – untersucht die Autorin Geburtsberichte von Frauen in Internetforen. Aus einigen Beobachtungen im Forschungsprozess lassen sich Handlungsoptionen für die Hebammenpraxis und -wissenschaft ableiten.

„Lest bloß nicht zu viel im Internet!“ Diesem Rat, den viele Hebammen ihren Frauen in der Vorsorge geben, habe ich mich in meiner Promotionsforschung systematisch widersetzt. Mein Interesse galt genau den Internetangeboten, vor denen in der Praxis oft gewarnt wird, weil die dort geteilten „Horrorgeschichten“ auf Schwangere verunsichernd wirken könnten. Zwei Jahre lang las ich die Rubrik „Geburtsberichte“ eines erfolgreichen deutschsprachigen Internetforums für Schwangere und Mütter (www.mamacommunity.de). Dabei ging ich der Frage nach, was und vor allem wie die Nutzerinnen des Forums einander über ihre Gebärerfahrungen erzählen.

Die Mutter als Heldin

Die Erzählungen in den Internetforen aufmerksam zu studieren, erwies sich als äußerst aufschlussreich. Dort fanden sich nicht ausschließlich „Horrorgeschichten“, sondern ebenso häufig positive Erzählungen über eigene Gebärerfahrungen. Das analysierte Textkorpus umfasste 44 Berichte. Beschrieben wurden darin ausnahmslos Geburten in der Klinik, keine einzige außerklinische Geburt.

Die Verfasserinnen der Geburtsberichte präsentierten sich im Forum als gut informierte Expertinnen für ihre Situation. Sie verwendeten die entsprechende Fachsprache, kannten zum Teil aktuelle Studienergebnisse und zeigten insgesamt ein großes Interesse für geburtshilfliche Themen. Zwar kann diese Beobachtung Vorurteile gegenüber Internetangeboten ausräumen, doch ist sie für mein Forschungsinteresse eher zweitrangig. Relevant erscheint mir vor allem, wie die Geschichten vom Gebären erzählt werden. Diese wurden nämlich durchweg als spannende Erzählungen inszeniert, in denen die Gebärende als Heldin auftritt und mit ihren mütterlichen Kompetenzen den Widrigkeiten und Herausforderungen des Gebärens trotzt (Thomson & Downe 2013). Als problematisch wurden Situationen beschrieben, in denen die Gebärende sich in diesen Kompetenzen beschnitten fühlte durch – notwendige und möglicherweise lebenswichtige – geburtshilfliche Eingriffe. Weshalb diese Beobachtung so wichtig ist, zeigt ein Blick in den Forschungskontext.

Evidenzen und Narrative

Ein Aspekt meiner Arbeit orientiert sich an den Ansätzen der sogenannten Narrative Medicine oder Narrative based Medicine (NbM), die derzeit in der Forschung große Aufmerksamkeit erfährt. So verfolgt auch das DFG-Graduiertenkolleg, in dem meine Arbeit entsteht (siehe Kasten), das Ziel, den Nutzen des narrativen Zugangs für die Medizin aufzuzeigen. Die „Grenzerfahrungen menschlichen Lebens“, mit denen sich die einzelnen Projekte des Kollegs befassen, werden über die spezifischen Formen des „Erzählens“ erschlossen. So werden Traumata, chronische Erkrankungen, das Lebensende oder eben auch das Gebären als Phänomene begriffen, die biomedizinisch anders „erzählt“ werden als in der lebensweltlichen Realität der Betroffenen. An der Schnittstelle dieser unterschiedlichen Narrative setzt die Forschung des Graduiertenkollegs an.

Das Graduiertenkolleg
Das DFG-Graduiertenkolleg (GRK) 2015/1 „Life Sciences, Life Writing. Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung“ besteht seit April 2014 an der Universität/Universitätsmedizin Mainz. Dieser Zusammenschluss von Forschenden aus den Lebens- und den Geisteswissenschaften ist im deutschsprachigen Raum bislang einmalig und soll die fachkulturellen Grenzen überwinden. In der Forschungspraxis bedeutet dies, dass die Beteiligten sich auch am Methoden-Inventar der jeweils anderen Fächer bedienen. Sie beziehen deren Perspektive auf den Untersuchungsgegenstand mit ein und machen ihre Ergebnisse füreinander nutzbar. So erhalten die VertreterInnen von Soziologie, Literaturwissenschaft, Kulturanthropologie und anderen Fächern Einblick in die klinisch-wissenschaftliche Praxis, während die HumanmedizinerInnen und PharmazeutInnen qualitative Herangehensweisen für ihre Studien bekommen.

Die NbM wurde in Abgrenzung zur evidenzbasierten Medizin (EbM) entwickelt (Greenhalgh 1998). Ihr Ziel ist es, Erzählungen sowohl für Diagnose und Therapie als auch für die Forschung nutzbar zu machen. Die PatientInnen sollen dabei ihren Subjekt-Status wiedererlangen (Kalitzkus 2009, 61). Sie sollen als handelnde Personen wahrgenommen werden. So geht die NbM etwa beim Anam­nesegespräch weit über das Abfragen klinisch relevanter Fakten hinaus. Als genauso wichtig wird betrachtet, wie die jeweilige Krankheits- oder Leidensgeschichte erzählt wird. Nicht die Fakten des Erzählten stehen im Mittelpunkt, sondern die Art und Weise, wie die Betroffenen ihre Erfahrung rückblickend betrachten, deuten und sich in ihrer Erzählung positionieren.

Keinesfalls soll die NbM die EbM ersetzen. Vielmehr stellt sie eine wertvolle Ergänzung dar. Was in den (zumeist quantitativen) Studien nicht abgedeckt wird, kann die NbM erschließen. In der Medizin sind Erzählungen schon immer ein Werkzeug der Einzelfall-Analyse gewesen. Die NbM versucht, dieses auf innovative Art zu nutzen. Die Gesundheitswissenschaftlerin Kathryn Montgomery Hunter bezeichnet Erzählungen deshalb als Brücke zwischen den Evidenzen randomisierter Studien und dem jeweiligen Einzelfall (Montgomery Hunter 1991; Konitzer 2005, 115).

An der medizinischen Fakultät der Universität Mainz kann das Fach Narrative Medizin mittlerweile im Rahmen des Skills-Lab als Wahlkurs belegt werden.

Medizinstudierende lernen hier Methoden, um Narrative gewinnbringend nutzen zu können. Im Mittelpunkt stehen zunächst gar nicht unbedingt PatientInnen-Erzählungen. Vielmehr geht es darum, Narrative ganz allgemein zu erschließen und zu verstehen. Die Literaturwissenschaften können hier gute Dienste leisten: Wie analysiert und interpretiert man einen Text? Was macht eine Geschichte spannend? Wie werden Emotionen transportiert? Ganz zentral geht es auch darum, was Erzählungen bewirken, wie sie emotional berühren und welche Assoziationen sie hervorrufen. Diese Aspekte sind im klinischen Alltag ständig präsent, im klassischen Curriculum erwerben die Studierenden aber keine Kompetenzen dafür. Die NbM-Kurse sollen diese Lücke schließen.

Mitgefühl und Verständnis für die Erkrankten wird auf diese Weise gestärkt. Die Studierenden erschließen neue Perspektiven für die Therapie. Sie lernen jedoch auch, dass das eigene Fach ebenso als Erzählung betrachtet werden kann, die einem bestimmten Ziel zuläuft und etwa dazu genutzt wird, Handlungen zu legitimieren. Die „großen Erzählungen“ der Medizin zu verstehen und zu hinterfragen, ist ebenfalls ein Anliegen der NbM. Für die Geburtshilfe fällt darunter etwa die „Erfolgserzählung“ der klinischen Geburt. Diese wird konsequent erzählt, um niedrige Morbiditäts- und Sterberaten zu begründen. Die außerklinische Geburtshilfe wird dabei in der Regel ausgeblendet oder als negative Kontrastfolie verwendet. Die moderne Geburtsmedizin kann deshalb als sogenanntes Masternarrativ bezeichnet werden. Es folgt narrativen Prinzipien von Rationalität und Wissenschaftlichkeit, wodurch es die Definitionsmacht erhält, während die außerklinische Geburtshilfe als sogenanntes Counternarrativ genau diesen Prinzipien widerspreche.

Gebärerzählungen nutzbar machen

Die NbM befasst sich bislang ausschließlich mit Erzählungen von PatientInnen und ÄrztInnen oder mit Erzählungen über Begegnungen zwischen diesen beiden Gruppen. Das Gebären wurde noch nicht im Rahmen entsprechender Studien untersucht. Zwar handelt es sich bei der Gebärenden ja nicht um eine Patientin, doch ist die Gebärerfahrung auch mit einem physischen und psychischen An-die-Grenzen-Gehen verknüpft und findet in der Regel in einem klinischen Setting statt. Von einer Krankheits- oder Patientinnen-Erzählung zu sprechen, wäre deshalb zwar verfehlt, doch ist es durchaus denkbar, die NbM um die Kategorie der Gebärerzählung zu ergänzen. Die Doktorarbeit „Gebären – Erzählen. Gebärerzählungen aus kulturanthropologischer und interdisziplinärer Perspektive“ versucht diese Lücke zu schließen. Statt literaturwissenschaftlicher Methoden kommen hier jedoch Herangehensweisen aus der kulturanthropologischen Forschung zur Alltagserzählung zum Einsatz (Lehmann 2007).

Im Berufsalltag von GynäkologInnen und Hebammen, die schwerpunktmäßig in der klinischen Geburtshilfe tätig sind, kommen wohl eher selten so ausführliche Erzählungen über das Gebären vor, wie sie im Internetforum geteilt werden. Immer mehr Stimmen machen sich jedoch dafür stark, Erzählungen für die Geburtsverarbeitung zu nutzen: „Der Begriff ‚Geburtsverarbeitung‘ wird in den nächsten Jahren sicher in der Gesellschaft mehr und mehr Einzug halten. Viele Hebammen mit langjähriger Berufserfahrung wissen um diese Probleme und haben ein reiches Weiterbildungsspektrum, das sie den Frauen in Bezug auf die Geburtsverarbeitung anbieten könnten. Eine bewusste Geburtsverarbeitung bereitet den besten Boden, damit eine Frau bei einer nächsten Geburt mit ihrer ganzen Kraft neu auf die Situation zugehen kann oder diese Kraft in Form von mehr Lebensfreude in ihrem Alltag spürt.“ (Meissner 2003, 46)

Was die Hebamme Brigitte Renate Meissner vor über zehn Jahren prophezeite, ist bisher nicht als Routine in den Kliniken eingetreten. Zwar gehört das Nachbereitungsgespräch fest zum Angebot der außerklinischen Geburtshilfe. Bei einer Geburt in der Klinik ist ein gemeinsames Besprechen des Geburtsverlaufs jedoch meistens nicht vorgesehen. Gespräche zwischen Kreißsaalteam und Mutter kommen in der Regel nur dann zustande, wenn Letztere eine Beschwerde gegen die Klinik vorbringt. Dann geht es in der Regel um eine Rechtfertigung für das geburtshilfliche Vorgehen, nicht um die individuelle Geschichte aus der Perspektive der Gebärenden. Obligatorische Nachbereitungsgespräche auch in Kliniken einzuführen, wäre eine Möglichkeit, mehr über die Geburt aus der Perspektive der Gebärenden zu erfahren.

Der Ansatz der NbM mit den Methoden der Erzählforschung aus Literaturwissenschaft und Kulturanthropologie könnten hier nicht nur im direkten Kontakt zwischen Kreißsaalteam und Wöchnerin gewinnbringend eingesetzt werden, sondern auch für die gynäkologisch-geburtshilfliche Forschung sowie die Hebammenwissenschaften. Einige Aspekte, die in den individuellen Erzählungen besonders stark hervorgehoben werden, spielen in der Mehrzahl der kontrolliert-randomisierten Studien sowohl der gynäkologischen als auch der hebammenwissenschaftlichen Forschung bislang nämlich keine große Rolle. Erzählungen über individuelle Erfahrungen können ergänzende Fragen für zukünftige Studien liefern.

Continuity of Care

Eines der zentralen Themen in den untersuchten Erzählungen der Internetforen-Nutzerinnen: Viele Verfasserinnen beschreiben, in der Eröffnungsphase allein gelassen worden zu sein, und leiten daraus eine erfahrene Belastung ab. Vor allem, wenn die mangelnde Betreuung in der Wehenphase mit einer interventionsreichen Austreibungsphase einhergeht, enthalten die Erzählungen Begriffe wie „Grenzerfahrung“ oder gar „Trauma“.

Andere Berichte hingegen beschreiben zum Teil kritische Situationen, sprechen jedoch insgesamt von einer positiven Geburtserfahrung, da sie sich umfassend gut betreut fühlten. Diese positive Bewertung einer kontinuierlichen und als kompetent wahrgenommenen Betreuung deckt sich mit aktuellen Ergebnissen klinischer Studien (Hodnett et al. 2013, Knape et al. 2013). Hier gilt es, weitere Studien nach quantitativen und qualitativen Kriterien anzuschließen: Erleben Frauen eine Geburt als weniger belastend, wenn sie durchgängig betreut werden?

Über Gebären spricht man nicht?

Ein weiteres zentrales Ergebnis ist die fehlende weibliche Perspektive auf das Gebären. Obwohl ein reger Diskurs über Geburt und Geburtshilfe stattfindet und auch im populären Erzählen die Geburt ein beliebtes Thema ist, fehlen in der öffentlichen Wahrnehmung Erzählungen aus erster Hand. Auch in der Forschung sind die Stimmen derer, die geboren haben, bislang unterrepräsentiert. Eine Zugangsmöglichkeit stellen auch weiterhin Internetforen dar, in denen sich Frauen über ihre Gebärerfahrungen austauschen.

Hier gilt es, eventuelle Vorurteile abzulegen: Frauen, die auf solchen Portalen ihre Erlebnisse teilen, sind keineswegs „Wichtigtuerinnen“. Sie haben es in der Regel nicht darauf abgesehen, die Arbeit von GeburtshelferInnen schlechtzureden oder Kliniken zu verleumden. Vielmehr nutzen sie das anonyme Online-Angebot, um offen über ihre persönlichen Erfahrungen erzählen zu können und das Gebären als signifikanten Einschnitt in die eigene Biografie zu verhandeln.

Die „Geburtsberichte“ in Internetforen nicht auf ihre medizinischen oder geburtshilflichen Fakten abzufragen, sondern unter narrativen Gesichtspunkten zu sehen, erweitert den Forschungshorizont. Gleiches gilt für die Geburtsnachbereitungsgespräche. Erzählungen vom Gebären in die Forschung einzubeziehen, stellt in jedem Fall eine wichtige Ergänzung dar und könnte sich auch auf die Praxis positiv auswirken.


Hinweis: Diese Publikation wurde durch das DFG-Graduiertenkolleg 2015/1 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unterstützt. Ein erster, ausführlicher Forschungsbericht zum Projekt wurde veröffentlicht unter dem Titel „Grenzen erfahren – von Grenzen erzählen – Geburtsberichte in Internetforen“ in Die Hebamme 29, Februar 2016, S. 33-38.


Zitiervorlage
Literatur
Greenhalgh T, Hurwitz B (Hrsg.): Narrative based Medicine. Dialogue and Discourse in Clinical Practice. London 1998. Deutsch: Narrivebased Medicine – sprechende Medizin. Dialog und Diskurs im klinischen Alltag. Bern 2005

Greenhalgh T: Narrative based medicine in an evidence based world. In: Greenhalgh, Trisha/Hurwitz, Brian (Hrsg.): Narrative based Medicine. Dialogue and Discourse in Clinical Practice. London 1998. 247–265

Hodnett ED et al.: Continuous support for women during childbirth (Review). In: Cochrane Database of Systematic Reviews 2013. Issue 7. Art. No.: CD003766

Kalitzkus V et al.: Narrative Medizin – Was ist es, was bringt es, wie setzt man es um? In: Zeitschrift für Allgemeinmedizin 2009. 85 (2) 60-66

Knape N et al.: Die Effektivität der Eins-zu-eins-Betreuung während der Geburt. Eine Literaturübersicht. In: Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie 2013. 217 (05) 161–172

Konitzer M: Narrative based Medicine. Wiedereinführung des Subjekts in die Medizin? Sozialer Sinn 2005. 1: 111–129

Lehmann A: Reden über Erfahrung. Kulturwissenschaftliche Bewusstseinsanalyse des Erzählens. Berlin 2007

Meissner BR: Geburtsgeschichten. Frauen erzählen die Geburtserlebnisse mit ihren Kindern. Winterthur 2003

Montgomery Hunter K: Doctors’ Stories: the Narrative Structure of Medical Knowledge. Princeton 1991

Thomson G, Downe S: A hero’s tale of childbirth. Midwifery 2013. 29:765–771