Dr. Evelin Kirkilionis: »Unmittelbar nach der Geburt ist es für das Neugeborene vor allem von emotionaler und physiologischer Bedeutung, rasch in engen Körperkontakt mit einem Menschen zu kommen.«
Foto: privat
Haut-zu-Haut-Kontakt unmittelbar nach der Geburt gilt als zentrales Element des Bondings. Bilder innig bondender Väter berühren und stehen zugleich für einen wichtigen kulturellen Wandel. Doch wann ist väterliches Bonding eine wertvolle Ressource – und wann droht es, unreflektiert an die Stelle des primären Mutter-Kind-Kontakts zu treten? Eine Reflexion aus evolutionsbiologischer, stillphysiologischer und bindungstheoretischer Sicht.
Regina Masaracchia: Bonding ist für Hebammen und Fachpersonal ein zentrales Thema – gut belegt, gut verstanden und doch in der Praxis immer wieder neu auszuhandeln. Wie bewertest du aus verhaltensbiologischer Sicht die zunehmende Praxis des frühen Vater-Bondings, insbesondere in Situationen, in denen die Mutter nach der Geburt grundsätzlich ansprechbar und körperlich präsent ist?
Evelin Kirkilionis: Zunächst ist hervorzuheben, dass dieser intensive Körperkontakt zwischen Mutter und Kind nach der Geburt die erste Chance ist, die emotionale Beziehung zu initiieren beziehungsweise zu intensivieren. Natürlich kann diese emotionale Beziehung auch bereits vor der Geburt aufgebaut worden sein. Doch der direkte Körperkontakt kann auf Seiten der Mutter, selbst wenn sie bisher distanziert war, die emotionale Zuneigung fördern. Indische Hebammen hatten mir bei einer Tagung berichtet, dass, seit sie in ihrem Krankenhaus dazu übergegangen waren, die Kinder nach der Geburt der Mutter auf die Brust zu legen, die Zahl der Kinder – vor allem der Mädchen – die im Krankenhaus einfach zurückgelassen wurden, drastisch zurückging.
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