Die Elternorganisation Mother Hood startet die Kampagne »Kristellern vermeiden«. Sie fordert eine sichere und respektvolle Geburtshilfe. Illustration: © Mother Hood e.V.

Mit der Kampagne »Kristellern vermeiden« will Mother Hood e.V. informieren, Gynäkolog:innen und Hebammen zur Überprüfung ihrer Praxis bewegen und die Politik zum Handeln auffordern. Der Eingriff sei umstritten, sein Nutzen wissenschaftlich nicht belegt, die Risiken seien erheblich.

Das Kristellern tauche in keiner regelhaften Statistik zur Qualitätssicherung der Kliniken auf. Nach Berichten von Müttern fehle der Eingriff zudem häufig sogar in der Behandlungsakte. Damit bleibe unsichtbar, wie oft und unter welchen Bedingungen der Fundusdruck tatsächlich angewendet wird und welche Folgen er für Gebärende und Kinder hat.

»Hinweise auf die Häufigkeit gibt die Studie aus dem Jahr 2024 von Volkert et al. Sie zeigt, dass bei knapp 20 % aller vaginalen Geburten in Deutschland kristellert wird. Damit gehört der Fundusdruck zu den häufigsten geburtshilflichen Eingriffen. Im Vergleich: Der Episiotomie findet bei etwa 13 % statt, die Kaiserschnittgeburt bei ca. 33 %« ­­– so der Verein.

Physische und psychische Risiken

Zu den Risiken des Kristellerns gehören bei Gebärenden laut Mother Hood e.V. unter anderem Rippenbrüche und Prellungen, Beckenbodenverletzungen, Gebärmutterrisse, Organverletzungen, Schmerzen und Atemnot. Beim Kind werden unter anderem Sauerstoffmangel Knochenbrüche und Verletzungen des Armnervengeflechts als mögliche Folgen genannt.

Zudem würden Mütter das Kristellern in Berichten über Gewalt während der Geburt besonders häufig beschreiben. Mögliche psychische Folgen seien posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Bindungsschwierigkeiten zum Kind, Stillprobleme und keine weitere Schwangerschaft.

Ob der Eingriff als Unterstützung oder als Übergriff erlebt wird, hänge maßgeblich von Kommunikation und Einbeziehung der Gebärenden ab, das bestätige auch eine Studie aus dem Jahr 2025 (Scholten et al., Arch Gynecol Obstet). Doch selbst bei korrekter und kommunikativ gut begleiteter Ausführung würden die körperlichen Risiken bestehen bleiben.

Was sich ändern soll

»Wir lehnen das auffällig häufige Kristellern ab«, sagt Katharina Desery von Mother Hood e.V. Der Verein sehe in der Häufigkeit des geburtshilflichen Eingriffs einen Beleg für Qualitätsmängel in der Versorgung. Mother Hood fordere deshalb verbindliche Konsequenzen für die geburtshilfliche Praxis: Kristellern müsse möglichst vermieden werden, denn es gebe Alternativen. Dazu würden Bewegung und aufrechte Geburtspositionen zählen, aber auch eine kontinuierliche Begleitung der Geburt durch eine Hebamme.

Wenn doch kristellert wird, müsse der Eingriff so wie in medizinischen Leitlinien beschrieben angewendet werden. Das gelte besonders für die Wahrung der Patient:innenrechte, wozu Aufklärung, Einwilligung und Dokumentation gehören. Das Kristellern müsse zudem im Rahmen der Qualitätssicherung erfasst werden.

Quelle: Mother Hood e.V. 2.6.2026 ∙ Volkert A, Bach L, Hagenbeck C, Kössendrup J, Oberröhrmann C, Okumu MR, Scholten N. Obstetric interventions’ effects on the birthing experience. BMC Pregnancy Childbirth. 2024 Jul 27;24(1):508. doi: 10.1186/s12884-024-06626-5. ∙ DHZ