Es ist eine wertvolle Ressource, den eigenen Körper zu spüren und zu kennen. Für Frauen ist die Schwangerschaft oft eine Chance, wieder einen besseren Zugang zum eigenen Körper zu erlangen oder zu vertiefen. Die Geburtsvorbereitungsgruppe bietet einen idealen Rahmen dafür. Danach können die Frauen vielleicht während der Geburt und auch im Wochenbett auf ihre im Kurs gemachten Erfahrungen zurückgreifen und diesen großen Übergang aus eigener Kraft bewältigen.
Potenziale für die Hebammenarbeit
Hebammen und deren Kursteilnehmerinnen können sehr von der sanften und körperorientierten Arbeit des »BodyMind Continuum« im Geburtsvorbereitungskurs profitieren (siehe Kasten). Die Methode ermöglicht den Frauen, die jetzige Schwangerschaft und die bevorstehende Geburt körperbewusst und selbstwirksam zu erleben. Sie vermittelt, wie Menschen unterschiedliche Körpersysteme wie Knochen, Organe, Flüssigkeiten, Muskeln und Faszien erspüren, beleben und diese Systeme bewusst nutzen können.
Menschen lernen durch BodyMind Continuum zudem die pränatalen und frühkindlichen Bewegungsmuster von der Zeugung bis zum aufrechten Gang kennen, die sie natürlicherweise durchlaufen, wenn sie keinen neurologischen oder anderweitigen Einschränkungen unterliegen. Sie können durch aufeinander aufbauende Bewegungsmuster verschiedene Stellungen wählen – und damit andere Einstellungen einnehmen, um herausfordernden Situationen zu begegnen und sich durch diese hindurchzubewegen.
Bestimmte Körperhaltungen und der gelungene, möglichst fließende Übergang in eine andere Körperhaltung können auch genutzt werden, um zum Beispiel einen erstarrten »eingefrorenen« Zustand wieder ins Fließen zu bringen. So ist es ein Unterschied, ob eine Frau in der Hocke, auf allen Vieren, im Wasser treibend oder auf dem Rücken im Bett liegend durch Mikrobewegungen und Töne die Verbindung zwischen Mund und Vulva fühlen kann – oder ob dieser Zugang nicht (mehr) existiert. Manche Positionen, wie die Hocke und die Position auf allen Vieren, erleichtern das Fühlen dieser Verbindung. Frauen, die in der Geburtsvorbereitung gelernt haben, diese Verbindung organisch und durch ihre Knochen zu spüren, können dies später auch in jeder anderen Körperposition.
Wenn eine Frau während der Geburtsarbeit aus Angst vor dem Geschehen ihre Beckenmuskeln und das Zwerchfell verkrampft, kann sie mit den erlernten Übungen versuchen, aus dem erstarrten oder verkrampften Körpersystem von Knochen und Muskeln in das Körpersystem der Flüssigkeiten oder der Organe zu wechseln. Sie kann beispielsweise durchfließende Mikrobewegungen ihrer Wirbelsäule vom Kopf bis zum Kreuzbein Spannung aus dem Körper lassen. Sie kann mit ihrem Mund und ihrer Zunge kleine, »Gutes erwartende« Bewegungen zu machen. Dabei kann sie ihre gesamte Speiseröhre, Magen, Darm und Darmausgang als lebendigen Verdauungsschlauch wahrnehmen, der ihre Wirbelsäule, ihr Kreuzbein und den Nacken organisch unterstützt.
Beim BodyMind Continuum handelt es sich um eine Methode der Körperarbeit, die Kerstina Tresselt und Myra Avedon entwickelt haben. Sie beruht auf langjährigen Unterrichtserfahrungen mit verschiedenen Formen der Bewegungserziehung und Körpertherapie sowie Psychologie und Pädagogik. Erkenntnisse der Neurobiologie und bewährte Methoden wie die Osteopathie und Craniosacrale Therapie nach John E. Upledger bilden den Hintergrund der Arbeit. BodyMind Continuum wurzelt auch in Lehren, wie Körper und Seele als Einheit zu bewegen sind: Body-Mind Centering, entwickelt von Bonnie Bainbridge Cohen, und Continuum Movement, begründet von Emilie Conrad.
Der Angst aktiv körperlich begegnen
Durch die körperorientierten Übungen können Frauen lernen, eigene Angstgefühle wahrzunehmen und zu verringern. Die Methode bietet in einem Kurs außerdem Raum, sich offen über Angstgefühle auszutauschen, ohne darin zu versinken oder sich in den Befürchtungen der anderen zu verlieren. Wenn eine Teilnehmerin von schlechten Erfahrungen bei einer vergangenen Geburt erzählt, erstarren oftmals einige der anwesenden Frauen oder die gesamte Gruppe zunächst »bis auf die Knochen« – fühlbar auch für die leitende Hebamme. Sie ist dann herausgefordert, die Frauen wieder in das Jetzt zurück zu bringen. Mit Übungen aus dem BodyMind Continuum kann die Kursleiterin auf geschilderte negative Geburtserfahrungen mit Mitgefühl für die einzelne Teilnehmerin eingehen und gleichzeitig mit Blick auf die gesamte Gruppe reagieren.
Die werdenden Mütter können mit BodyMind Continuum lernen, aufkommende Angst vor dem Prozess von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett nicht im Körper festzuhalten, sondern beispielsweise durch Schlängelbewegungen durch sich hindurch fließen zu lassen oder abzuschütteln. Das Vertrauen in den eigenen Körper einschließlich des Gehirns wird gestärkt, Sympathikus und Parasympathikus ausbalanciert. Das Gehirn wird nicht nur als der zentrale Teil des Nervensystems verstanden, sondern auch als Organ mit einer gewissen Viskoelastizität, das man kennen und entspannen lernen kann (siehe Kasten: Übung 1).
Diese einfache, wirksame Übung können Hebammen beispielsweise nach einer mental anstrengenden Rede- und Zuhörrunde oder Diskussionen anleiten, damit die Teilnehmerinnen wieder zu sich selbst und in ihren Körper kommen:
»Halte deinen Hinterkopf mit einer deiner Handflächen und deine Stirn mit der anderen. Du kannst dabei sitzen oder stehen. Lasse deinen Hinterkopf etwas in deine Handfläche nach hinten sinken, so als ob du ihn einladen würdest, sich dort etwas auszuruhen. Berühre mit der anderen Handfläche deine Stirn mit Zutrauen und Fülle, soweit es dir möglich ist, und drücke sie ganz leicht in Richtung deiner anderen Handfläche. Wenn du magst, schließe die Augen.
Drücke mit der Hand am Hinterkopf dann gleichzeitig etwas in Richtung der Hand auf der Stirn. Spüre den Kontakt deiner beiden Handflächen mit deiner Kopfhaut, deinen Schädelknochen und stell dir vor, wie deine Handflächen mit leichtem, möglichst angenehmem Druck durch deinen Kopf hindurch miteinander in Verbindung stehen. Halte so deinen Kopf für 10, 20 Sekunden, solange es dir angenehm ist.
Verringere ganz allmählich den Druck, ohne die Hände ganz von deinem Kopf zu nehmen, bleibe mit den Handflächen in Kontakt mit dem Kopf und spüre, wie du dich fühlst. Es kann sein, dass es sich anfühlt, als hättest du einen Schwamm in einer Schüssel – mit Gefühl und gleichzeitig mit klarer Intention – zumindest teilweise ausgepresst und jetzt lässt du ihn sich wieder mit Wasser füllen …
Experimentiere für ein paar Zyklen des Drückens und Sich-wieder-füllen-Lassens, werde noch etwas langsamer und ruhiger in der Ausübung, als du vorher schon warst. Und wenn es geht, bleibe dabei in einem gewissen Wohlgefühl. Wie fühlst du dich jetzt? Lasse deine Augen noch geschlossen oder, wenn sie offen sind, unfokussiert.
Nimm jetzt deine Hände von deinem Kopf und bewege dich mit langsamen, kleinen und jetzt noch kleiner werdenden Schlängelbewegungen von deinem Kopf die Wirbelsäule hinunter bis in dein Kreuzbein. Versuche, mit den kleinen Schlängelbewegungen dein Kreuzbein zu begrüßen, so dass die Begrüßung »da unten« ankommt.
Dann sende kleine Schlängelbewegungen hoch vom Kreuzbein durch die Wirbelsäule und den Nacken in den Hinterkopf. Begrüße durch die Schlängelbewegungen den Hinterkopf. Die Grüße werden hin- und hergesendet, solange du dies leicht und anstrengungsfrei durchführen kannst. Halte inne, wenn es dir zu anstrengend wird. Atme bewusst etwas tiefer und eventuell hörbarer und fühle, was du fühlst. Öffne nun deine Augen und schaue noch mit weichem, unfokussiertem Blick in deine Umgebung. Atme noch einmal bewusst für dich und orientiere dich so, wie es für dich jetzt stimmig ist, hier im Kreis der Frauen dieser Gruppe.«
Fließen lassen
Wie wichtig und hilfreich es ist, ein Fließen im Körper zuzulassen, zeigt die Arbeit mit kleinen Naturschwämmchen, die mit unserem Körpergewebe vergleichbar sind – zum Beispiel mit unserem Knochengewebe. Gerade in unserer westlichen Kultur, in der »das Knochige«, also das Körpersystem der Knochen, oftmals stark repräsentiert wird, ist es besonders wichtig, diese mit den Flüssigkeiten zu beleben und lebendig zu halten! Wenn es gelingt, diese mit genügend »Saft«, also befeuchtender Flüssigkeit, zu vermischen, geben uns die Knochen eine gewünschte Klarheit, Kraft und Ausrichtung (siehe Kasten: Übung 2).
Mit dem schwangeren Uterus, den die Frauen vor allem an der Körpervorderseite wahrnehmen, können sie durch Übungen aus dem BodyMind Continuum schon in der Geburtsvorbereitung ein Gefühl der organischen Mitte sowie der Rückseite des eigenen Körpers bewusst erleben und stärken.
Da die Organe der Schwangeren weniger Platz haben, ist es hilfreich, den Magen, die Speiseröhre, die Lungen, die Luftröhre und den Mundraum zu kontaktieren. Dies geschieht durch achtsame Aufmerksamkeit, kleine und auch mal größere Körperbewegungen, Atmen, Tönen, wieder Innehalten und Selbstwahrnehmung. Die Organe können durch diesen Kontakt einen ihnen möglichst angenehmen Platz finden. Es geht darum, die verschiedenen Körperräume – Kopfraum, Raum der Kehle, Brustraum, Bauchraum, ihre Abgrenzungen voneinander sowie ihre Dreidimensionalität, also auch »das Hinten« – zu erleben. Das hat oft große Wirksamkeit, um eine aufgeregte Schwangere oder einen Raum voller redender Teilnehmerinnen im Geburtsvorbereitungskurs wieder zu sich selbst zu bringen.
Benötigt werden zwei bis drei trockene Naturschwämmchen und eine Schüssel mit Wasser:
»Wenn die Schwämmchen trocken und rau in unserer Hand liegen, fühlt sich das starr, unnachgiebig, unlebendig an – vergleichbar mit erstarrten, trockenen, damit auch leichter brüchigen Knochen.
Wenn wir die Schwämmchen in Wasser tauchen, sich vollsaugen und weicher werden lassen, sie dann in unserer Hand sanft und rhythmisch auspressen und wieder vollsaugen lassen, ist das vergleichbar mit einem lebendigen Gewebe, das von Flüssigkeit um- und durchspült wird und dadurch in Kommunikation mit der Umgebung steht.
In unserer Arbeit geht es daher immer wieder darum, ›im eigenen Saft‹ zu stehen, sich selbst immer wieder zu ›befeuchten‹, da die Flüssigkeit im Gewebe unsere Lebendigkeit ausmacht. So können wir uns zum Beispiel selbst in unserem Gewebe ›schwämmen‹ und dabei unsere Flüssigkeiten in und durch unsere Fasern bewegen.«
Gutes für die Hebamme
Schwangere Frauen zu begleiten, erfordert Sicherheit, Stabilität, Mut, Forschergeist und Flexibilität. Das betrifft die körperliche wie die emotionale Ebene.
Wichtig ist, dass die Hebamme durch ihre eigene individuelle Präsenz in Bewegung wie auch in der Berührung verkörpert, wie zwischen den unterschiedlichen Körpersystemen gewechselt werden kann, zum Beispiel zwischen Knochen und Muskeln sowie Organen und Flüssigkeiten. Oder wie sie bewusst wählen kann zwischen einer eher stabilen Körperhaltung und einer, die eher Flexibilität und Veränderung initiiert. Je nachdem, was in einer bestimmten Situation für eine bestimmte Frau gerade zutrifft, kann es hilfreich sein, dass beispielsweise die Arme links wie rechts die gleiche Position haben, dass das linke wie das rechte Bein ebenfalls die gleiche Position haben, wie im Vierfüßlerstand oder beim aufrechten Sitz auf einem Hocker. Um aus einem Stillstand herauszukommen, können dagegen gewisse Überkreuzbewegungen hilfreich sein.
Die Hebamme kann beispielsweise auch in einer für sie selbst stressigen Kurssituation vorleben, wie ein Wechsel von einem mehr vom Sympathikus aktivierten Nervensystem zu einer eher organischen, vom Parasympathikus beeinflussten Haltung gelingt. Es ist dann mit etwas Übung auch möglich, dies in die Qualität der Berührung einfließen zu lassen: Die eigenen, berührenden Hände können »organisch« füllig, weich und gleichzeitig ganz konkret präsent sein, um diese Qualität zu vermitteln.
Für die Leitung von Gruppen – seien es Geburtsvorbereitungs- wie Rückbildungsgruppen sowie für die Einzelarbeit – gehört dazu eine gewisse Orientierung am Prozess der gesamten Gruppe wie der einzelnen Teilnehmerinnen. Wichtig ist auch die Fähigkeit, im gegebenen Moment prozessorientiert und körperorientiert Aspekte ansprechen, verkörpern und vermitteln zu können.
In den Weiterbildungen zu BodyMind Continuum erforschen und verkörpern die TeilnehmerInnen zunächst die eigene individuelle Präsenz in Bewegung und Berührung – sowohl in den unterschiedlichen Körpersystemen wie Knochen, Organen, Flüssigkeiten, Muskeln und der zellulären Ebene, wie auch in den aufeinander aufbauenden Bewegungsmustern des Menschen von der Zeugung bis zum aufrechten Gang. Damit erweitert sich das Ausdrucks- und Kommunikationsspektrum wie auch die Fähigkeit zur Bewegungsanleitung und zur Weitergabe von Berührungserfahrungen durch die sanfte, körperorientierte Arbeit. BodyMind Continuum können Hebammen auch zur Selbstfürsorge und Stressreduktion einsetzen.
