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Bereits bei seiner Uraufführung im Februar hat der Spielfilm „24 Wochen“ als einziger deutscher Wettbewerbsbeitrag bei der diesjährigen Berlinale für Aufsehen gesorgt. Seit seinem Kinostart im September liefert er bundesweit Diskussionsstoff zu einem weitgehend verschwiegenen Thema. Die aus Erfurt stammende Regisseurin Anne Zohra Berrached bringt das Drama um einen späten Schwangerschaftsabbruch mit Fetozid in beklemmender Realitätsnähe auf die Leinwand.

Astrid, eine erfolgreiche, bekannte Kabarettistin, und Markus, ihr Manager – meisterhaft gespielt von Julia Jentsch und Bjarne Mädel – erwarten ihr zweites Kind. Als sie bei einer vorgeburtlichen Untersuchung jenseits der Mitte der Schwangerschaft von der Diagnose Down-Syndrom „kalt erwischt“ werden, sieht es zunächst so aus, als könnten sie sich auf das Leben mit ihrem behinderten Kind einstellen. Sie vertreten beherzt ihre Entscheidung gegen Skepsis und Widerstand in der Familie und im Freundeskreis. Markus steht, anders als man es im Rollenklischee von einem Vater in dieser Situation erwartet, entschieden zum neuen Familienmitglied und an der Seite seiner Frau – bei allen Zweifeln und Unsicherheiten, was auf die Familie zukommen wird.

Als bei einer weiteren Untersuchung auch noch ein schwerer Herzfehler beim Kind festgestellt wird, das ohne mehrere große Operationen kurz nach der Geburt keine Lebensaussichten haben würde, wendet sich das Blatt. Astrid entscheidet sich nach einem Besuch auf einer Kinderintensivstation dagegen, ihrem Kind die anstehenden Prozeduren zuzumuten. Sie möchte nun doch den Abbruch der Schwangerschaft. Nicht nur um ihrem Kind zu ersparen, was die Medizin für erforderlich hält, auch für sich selbst müsse sie diesen Schritt gehen, erklärt sie ihrem Mann. Der tritt weiter für das gemeinsame Kind ein. Astrid fährt ohne ihn in die Klinik.

Die medizinischen Vorbereitungen zum Spätabbruch nehmen ihren Lauf. Schließlich taucht Markus doch im Krankenhaus auf und die Eltern erleben gemeinsam den Eingriff, als ihrem Kind mit einem Fetozid das Leben genommen wird, bevor es mit der eingeleiteten Geburt auf die Welt kommt, die Hebamme ihnen den toten Sohn in den Arm legt und sie ihn verabschieden und betrauern.

Entscheidungsnot

Die schwierigen Tage nach der unerwarteten, belastenden Diagnose sind realistisch gezeigt – es gibt auch Freude und Momente von Leichtigkeit neben der bedrückenden Entscheidungsnot. Stark dargestellt, wie die Eltern versuchen, in enger solidarischer Partnerschaft die Zeit der schicksalhaften Not durchzustehen und sich beide an einem Punkt dann doch eine Zeitlang in ihrer eigenen Einsamkeit wiederfinden.

Die ZuschauerInnen erleben das emotionale Auf und Ab bis zum traurigen Ende mit, die Qual des Dilemmas dank der großartigen Leistungen der Schauspieler hautnah und nachvollziehbar – einschließlich des Fetozids, wenn ihrem Kind Kaliumchlorid ins Herz injiziert wird, was über die hilflosen, bestürzten Gesichter der Eltern erzählt wird. Manchmal ist es eine Nuance im Ausdruck, manchmal sprechende Kleinigkeiten.

Sie habe bei der Inszenierung des Spielfilms mit dokumentarischen Elementen gearbeitet, schildert die 34-jährige Regisseurin Anne Zohra Berrached im Anschluss an die Filmvorführung bei der Preview am 18. September, einer Diskussionsveranstaltung von pro familia im Kino am Raschplatz in Hannover. Das Gesundheitspersonal im Film sei „echt“ und habe nur die Rahmenhandlung des Films, nicht das genaue Drehbuch gekannt. Die Ärzte und die Hebamme – in einem umfangreichen Casting als Laiendarsteller ausgewählt – seien gebeten worden, sich so zu verhalten wie in einer vergleichbaren realen Situation. Berrached sei selbst überrascht gewesen, wie lebensnah und emotional sich alle eingebracht hätten. Der Hebamme seien beim Dreh sogar die Tränen gekommen, schildert sie offen. Sie habe diese Szene jedoch nicht mit in den Film hinein genommen. Die SchauspielerInnen hätten umgekehrt über die genauen medizinischen Abläufe nicht vorab durch das Drehbuch Bescheid gewusst und seien diesen ebenso situativ ausgesetzt gewesen, als kämen sie als Patienten. Die starke spontane Emotionalität, die im Film spürbar wird, ist wohl durch diese Improvisation zustande gekommen.

Es ist das Verdienst des Films, dass er das Unfassbare und das Unaussprechliche, das Eltern beim Tabuthema „später Schwangerschaftsabbruch“ und erst recht beim Fetozid fast immer unvorbereitet überfällt, und dem sie im Schock zumeist hilflos ausgeliefert sind, auf diese Weise in die breitere Gesellschaft trägt. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema sollte zu einem Zeitpunkt stattfinden, wo akute Entscheidungen (noch) nicht anstehen und sie sollte nicht nur auf den Schultern von Eltern und Gesundheitspersonal lasten. Eine Entscheidung vorweg nehmen ließe sich mit Hilfe eines Films sicher nicht – wohl aber eigenen Lebenswerte ausloten und sich für Grenzsituationen sensibilisieren.

Polarisierung zweier Wege

Trotz ambivalenter Empfindungen – kein Film, der leicht zu konsumieren ist – konnte ich innerlich der Handlung folgen, ohne auszusteigen, was zweifellos der sensiblen Umsetzung geschuldet ist. Als Hebamme, die um die Belastungen im Zusammenhang mit den Konsequenzen nach PND für die Eltern wie für die Professionellen weiß, als Mutter, die vor Jahren selbst eine Entscheidung über Leben und Tod ihres ungeborenen Kindes zu treffen hatte, und als Filmemacherin, die mit dem Dokumentarfilm „Mein kleines Kind“ vor 15 Jahren ihre Lebenserfahrung mit einem anderen Weg aus der Krise zur Diskussion gestellt hat, war ich darauf eingestellt gewesen, dass ich vielleicht kritisch auf diesen Spielfilm reagieren würde.

Sie habe meinen Film in der Zeit ihrer Recherche für das Drehbuch vor drei Jahren intensiv angeschaut, erzählte mir Anne Zohra Berrached später – in meinem Fall sei mein Sohn ja nicht lebensfähig gewesen. „Ebensowenig das Kind in ‚24 Wochen’“, entgegnete ich. Ich sei überrascht, dass die Eltern, die im Film als unkonventionelle, kreative und durchaus „querdenkende“ Charaktere dargestellt seien, die ihr Kind mit viel Liebe willkommen geheißen hätten – zunächst auch mit dem Wissen um sein Down-Syndrom – in ihren ausführlichen Überlegungen und Diskussionen nicht einmal ansatzweise auch über einen dritten Weg nachgedacht hätten: Seine begrenzte Lebenszeit zu respektieren und es weder aktiv töten zu lassen, noch es auf einem aus Sicht der Mutter zutiefst leidvollen Weg zum Leben zu „zwingen“. Die Regisseurin stutzte kurz. Sie habe das so gewollt, sagte sie schließlich entschieden.

In dramaturgischer Hinsicht ist diese beabsichtigte Zuspitzung in der konventionellen Polarisierung der zwei dramatischen Lösungswege sicher effektvoll für einen Kinofilm und befördert die Diskussion. Was die Familie mit dem zutiefst traurigen Weg des vorzeitigen Todes gewinnt, ob er die Gesundheit der Mutter tatsächlich zu schützen vermag, wie es die medizinische Indikation vorsieht, fragt man sich. Denn was man miterlebt, ist einfach nur bestürzend – gerade in der gleichzeitigen Distanz und Intimität eines Kinosaals. So wendet sich Astrid, die Mutter, im Film ein Jahr später öffentlich an ihr Publikum, das sie über die familiäre Lebenskrise informiert hatte. Sie wisse nicht, ob ihre Entscheidung nun richtig oder falsch gewesen sei, spricht sie in die Kamera: „Wahrscheinlich von jedem ein bisschen.“

Dilemma ohne Widerspruch?

Es bleibt zu hoffen, dass die Nachdenklichkeit über den Film nicht bei der Polarisierung der beiden vorgegebenen Wahlmöglichkeiten stecken bleibt. Als müsse die Medizin notwendigerweise mit massiven, eigentlich übermenschlichen Eingriffen in der einen oder anderen Weise der Fügung des Schicksals ihre Macht entgegensetzen, Leben oder Tod selbst zu gestalten. Leicht könnte der Film als Beitrag verstanden werden, das Dilemma, das daraus erwächst, als notwendigen Teil heutiger Wirklichkeit zu akzeptieren und vorauseilend zu integrieren: Es scheint keinen Widerspruch zuzulassen und verriegelt die Suche nach eigenen Wegen. Die Tränen der sich selbst darstellenden Hebamme, die nicht im Film gezeigt werden, könnten ein Hinweis darauf sein.

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