Postpartale Depressionen können noch ein Jahr nach der Geburt auftreten. Welchen Einfluss haben die Geburtsart und das Stillen?
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Sectio, Saugglocke und PDA: Wenn eine Spontangeburt nicht ohne Weiteres gelingt, sind die Optionen vielfältig. Doch sie können eine postpartale Depression begünstigen, wie Studien zeigen. Worin liegen die möglichen Risiken? Welche Schutzfaktoren lassen sich stärken?
Die Geburt eines Kindes zählt für viele Frauen zu den freudigsten Ereignissen ihres Lebens. Doch nicht jede Mutter verbindet diesen Übergang in eine neue Lebensphase mit positiven Gefühlen. Statt Glück empfinden manche Frauen tiefe Traurigkeit. Statt Verbundenheit mit ihrem Kind fühlen sie sich innerlich leer. Und statt Stolz und Freude erleben sie Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Bestehen solche Zustände über längere Zeit, deutet das auf eine postpartale Depression (PPD) hin.
Die maternale PPD zählt zu den häufigsten Komplikationen nach der Geburt eines Kindes (Hertle et al., 2024). Für Deutschland liegen zwar keine aktuellen epidemiologischen Studien zur Prävalenz vor (Hertle et al., 2024; Vogelsang et al., 2023), jedoch wird der Anteil betroffener Mütter auf etwa 10–15 % geschätzt (Robert Koch-Institut, 2020).
Darüber hinaus belastet eine PPD nicht nur die Wöchnerin, sondern gilt auch als bedeutender Risikofaktor für die Entwicklung des Neugeborenen und die Funktionsfähigkeit des Familiensystems. Sie stellt damit eine vielschichtige versorgungsrelevante Gesundheitsproblematik der postpartalen Phase dar. Eine erhöhte professionelle Aufmerksamkeit für mögliche Anzeichen dieser Störung ist entscheidend, um ein frühzeitiges Erkennen und die Einleitung geeigneter Unterstützungsmaßnahmen zu gewährleisten. Das Wissen über potenzielle Risiko- und Schutzfaktoren bildet dabei eine zentrale Grundlage, um besonders gefährdete Wöchnerinnen zu identifizieren.
Klassifikation und Ätiologie
Obwohl der Begriff postpartale Depression sowohl im fachlichen als auch im öffentlichen Diskurs weit verbreitet ist, bezeichnet er keine eigenständige nosologische Einheit. Die Symptomatik entspricht im Wesentlichen der einer depressiven Störung allgemein; lediglich die inhaltliche Ausgestaltung – etwa im Zusammenhang mit Versagensängsten – bezieht sich häufig spezifisch auf die Mutterschaft. Entsprechend findet sich in den gängigen Diagnosesystemen keine separate Kategorie für die PPD. Sie wird vielmehr meist als depressive Episode (ICD-10 und ICD-11) oder Major Depression (DSM-5) klassifiziert (Riecher-Rössler, 2011; Wolkenstein, 2023). Der zeitliche Bezug zur Geburt kann angegeben werden. Für einen postpartalen Beginn legen die Diagnosesysteme dabei einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen nach der Geburt zugrunde (Dilling et al., 2014; Falkai & Wittchen, 2015; Wolkenstein, 2023). In der Forschung und der klinischen Praxis ist es üblich, depressive Störungen, die innerhalb des ersten Jahres nach der Entbindung auftreten, als »postpartal« zu bezeichnen (Hahn-Holbrook et al., 2018).
Differenzialdiagnostisch ist die Abgrenzung der PPD zum sogenannten »Babyblues« bedeutsam. Mit letzterem werden kurz anhaltende Stimmungsschwankungen im Frühwochenbett bezeichnet, die spontan nach wenigen Tagen abklingen und im Gegensatz zur PPD nicht behandlungsbedürftig sind (Dorsch & Rohde, 2016; Riecher-Rössler, 2011).
Auch in ihrer Pathogenese unterscheidet sich die PPD nicht grundlegend von einer Depression in anderen Lebensabschnitten. Beiden liegt ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren zugrunde (Berking & Radkovsky, 2012; Coryell & Zimmermann, 2025; Riecher-Rössler, 2011).
Eine bereits bestehende depressive Symptomatik gilt als einer der stärksten Prädiktoren für eine postpartale Depression (O‘Hara & McCabe, 2013; Qi et al., 2025; Zhao & Zhang, 2020). Schätzungen zufolge entwickeln jedoch auch etwa 8 % der Frauen ohne depressive Vorerkrankung nach der Geburt erstmals eine PPD (Pataky & Ehlert, 2020; Shorey et al., 2018).
Kritische Lebensereignisse im peripartalen Zeitraum können als Auslöser oder Verstärker depressiver Symptome wirken (Yim et al., 2015). Bestimmte Praktiken rund um Geburt und Wochenbett sind dabei mit einem erhöhten Risiko für die Entstehung einer postpartalen Depression assoziiert.
Einflussfaktor Geburtsmodus
Aktuell werden in Deutschland rund ein Drittel aller Geburten per Kaiserschnitt durchgeführt (Statistisches Bundesamt, 2025). Der Anteil ungeplanter Kaiserschnitte liegt dabei mit 49 % etwas über dem Anteil geplanter Eingriffe, der 42 % beträgt (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen, 2024). Etwa 9 % der Kaiserschnitte wurden keiner der beiden Kategorien zugeordnet.
In empirischen Studien ist der Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Geburtsmodi und der PPD gut untersucht. Neuere Metaanalysen kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass ein Kaiserschnitt das Risiko für eine PPD erhöht (Cárdenas et al., 2025; Moameri et al., 2019; Xu et al., 2017). Es wird von kleinen bis mittleren Effektstärken berichtet (Cárdenas et al., 2025; Xu et al., 2017; Zhao & Zhang, 2020). Separate Auswertungen nach den Kategorien »geplante Kaiserschnitte« (Elective Cesarean Section) und »Notfallkaiserschnitte« (Emergency Cesarean Section) zeigen ein höheres PPD-Risiko für Notfallkaiserschnitte (Cárdenas et al., 2025; Moameri et al., 2019; Xu et al., 2017).
Auch eine aktuelle Studie aus Hamburg findet Zusammenhänge zwischen Schnittentbindungen und PPD-Symptomen (Beck-Hiestermann et al., 2024). Nach internationaler Studienlage stellt eine Sectio – insbesondere eine Notfallsectio – somit einen Risikofaktor für die postpartale Depression dar. Unklar ist dabei, wie der Zusammenhang kausal zu erklären ist. So wird beispielsweise vermutet, dass die im Vergleich zur vaginalen Geburt veränderten Hormon- und Signalproteinprofile Einfluss auf die PPD nehmen (Dekel et al., 2019; Moameri et al., 2019; Zhao & Zhang, 2020). Die pathophysiologischen Ansätze fokussieren unter anderem auf alterierte Spiegel und Regulationsprozesse in Bezug auf Cortisol, Oxytocin, Prolaktin, Östradiol, Progesteron, Brain-Derived Neurotropic Factor (BDNF), Kynurenin, TNF-α, Interleukin-6 und Interleukin-10 sowie B- und D-Vitamine. Bislang weisen alle untersuchten Biomarker jedoch nur eine geringe Spezifität und Sensitivität bei der Identifikation der PPD auf (Modzelewski et al., 2023).
Ein anderer Erklärungsansatz nimmt das mit einem (ungeplanten) Kaiserschnitt häufig assoziierte negative Geburts- und Stresserleben in den Blick (Beck-Hiestermann et al., 2024; Cárdenas et al., 2025). Nach einer Sectio berichten viele Frauen über Gefühle von Scham, Schuld, geringem Selbstwert und Kontrollverlust – emotionale Reaktionen, die typischerweise mit traumatischen Erlebnissen assoziiert sind (Beck-Hiestermann et al., 2024; Ehring & Kunze, 2020; Hoffmann et al., 2024). Allgemein steht ein hoher Interventionsgrad bei Geburten (Notfallkaiserschnitte, assistierte vaginale Geburten) im Zusammenhang mit einem deutlich erhöhten Risiko für subjektiv traumatisch erlebte Geburten und nachfolgende Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) (Carter et al., 2022; El Founti Khsim et al., 2022). Dem entspricht der empirische Befund einer kanadischen Studie, wonach eine Notfall-Sectio sich nicht direkt auf das Risiko einer postpartalen Depression auswirkt, sondern nur indirekt über posttraumatische Belastungsreaktionen (Grisbrook et al., 2022).
Die Argumentation, wonach ein traumatisches Geburtserleben über posttraumatische Symptome das Risiko für eine postpartale Depression mediiert, erscheint auch im Kontext vaginal-operativer Geburten plausibel. In Deutschland wird etwa jede 14. vaginale Geburt instrumentell unterstützt (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen, 2024). Aktuelle Metaanalysen und systematische Reviews weisen im Vergleich zu Spontangeburten ein signifikant höheres Risiko für eine PTBS nach dem Einsatz von Saugglocke und Geburtszange nach (Carter et al., 2022; El Founti Khsim et al., 2022). Der Einfluss dieser Geburtsmodi auf depressive Symptome fällt jedoch deutlich geringer aus als auf PTBS-Symptome.
Im Vergleich zu spontanen Geburten ist das PPD-Risiko zwar erhöht, bleibt jedoch deutlich unter dem Niveau, das bei primären oder sekundären Kaiserschnitten beobachtet wird (Sun et al., 2021). Die in Evidenzsynthesen beschriebenen Zusammenhänge zwischen vaginal-operativen Geburten und PTBS-Symptomen konnten auch in einer deutschen Studie empirisch bestätigt werden (Beck-Hiestermann et al., 2024).
Einflussfaktor pharmakologische Intervention
Aktuelle Krankenhausstatistiken zum Einsatz geburtshilflicher Analgesie und Anästhesie liegen für Deutschland nicht in differenzierter Form vor (Blumenstock & Mauter, 2023). Bei Kaiserschnitten und vaginal-operativen Geburten ist gemäß den geburtshilflichen Leitlinien eine adäquate Schmerzbehandlung obligat (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe et al., 2024; Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe et. al., 2020). Zur Anwendung bei vaginalen Geburten existieren Daten aus einer bundesweiten Befragung aller geburtshilflichen Kliniken im Rahmen einer Dissertation. Demnach erfolgte bei etwa einem Drittel der vaginalen Geburten keine medikamentöse Analgesie, bei einem weiteren Drittel kamen nicht-neuraxiale medikamentöse Schmerzmittel zum Einsatz und bei knapp einem Drittel eine Periduralanästhesie (Vogel, 2023).
Etwa 23 % aller Geburten wurden 2023 medikamentös eingeleitet – während der Geburt wurden bei etwa 29 % der Gebärenden Uterotonika (Wehenmittel) verabreicht (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen, 2024).
Inwieweit ein Zusammenhang zwischen dem Einsatz dieser Mittel und dem Auftreten einer postpartalen Depression besteht, ist Gegenstand der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion. Dabei lassen sich grob zwei Argumentationslinien unterscheiden: Die eine betont, dass durch die Anwendung pharmakologischer Substanzen physiologische Prozesse des Geburtsverlaufs beeinflusst werden, was potenziell als Risikofaktor für die Entwicklung einer postpartalen Depression angesehen wird (Sun et al., 2021). Die andere Argumentationslinie fokussiert den Geburtsschmerz, der als traumatisierend erlebt werden kann und dadurch die Entstehung einer PPD begünstigt. Daraus leitet sich die Annahme ab, dass eine effektive medikamentöse Schmerztherapie protektive Wirkungen entfalten könnte (Cárdenas et al., 2025; Tan et al., 2024).
Metaanalysen zeigen bislang keine eindeutige Evidenz zugunsten einer der beiden Hypothesen, was vermutlich auch auf die begrenzte Anzahl vorliegender Studien und ihre große Heterogenität in Bezug auf die untersuchten Vergleichsgruppen zurückzuführen ist (Almeida et al., 2020; Kountanis et al., 2020; Li et al., 2023).
Ähnlich präsentiert sich die Befundlage zum Einsatz von synthetischem Oxytocin. Veränderte endogene Oxytocinspiegel wurden wiederholt bei Patientinnen mit postpartaler Depression festgestellt (Monks & Palanisamy, 2021; Thul et al., 2020), sodass eine Dysregulation des oxytocinergen Systems als potenzieller Risikofaktor für die Entstehung einer PPD diskutiert wird (Slattery & Neumann, 2010; Wolkenstein, 2023). Obwohl eine theoretische Plausibilität dafür besteht, dass die Gabe von synthetischem Oxytocin die Regulation endogener oxytocinerger Prozesse beeinflusst, bleibt bislang unzureichend geklärt, über welche Mechanismen dieser Einfluss vermittelt wird und ob eine Applikation eher risikoerhöhend oder -mindernd wirkt (Monks & Palanisamy, 2021).
Einflussfaktor Stillen
Laut einer bundesweiten Erhebung aus den Jahren 2018/2019 versuchten knapp 97 % der Mütter unmittelbar nach der Geburt zu stillen. Zwei Wochen danach stillten noch rund 92 % der Mütter, nach acht Wochen 89 %. Die Quote für ausschließliches Stillen lag zum Zeitpunkt der Entlassung aus dem Krankenhaus bei 74 %, nach zwei Monaten bei 67 % und nach vier Monaten bei 56 %. Etwa die Hälfte der Mütter, die versucht hatten zu stillen, berichtete über Stillprobleme im frühen Wochenbett (Kersting et al., 2020).
Der Zusammenhang zwischen Nicht-Stillen und dem Auftreten einer postpartalen Depression gilt als empirisch gut belegt (Dias & Figueiredo, 2015; Henshaw, 2023; Khamidullina et al., 2025). Metaanalysen und systematische Übersichtsarbeiten zeigen konsistent, dass Frauen, die nicht stillen, ein erhöhtes Risiko für depressive Symptome aufweisen (Alimi et al., 2022; Wang et al., 2021; Xia et al., 2022). So berichten Mengjie Xia und Kolleg:innen von einem um 14 % reduzierten Risiko für das Auftreten einer PPD bei Frauen, die stillen (Xia et al., 2022).
Besonders deutlich wird der Zusammenhang, wenn eine zusätzliche Differenzierung nach der Art des Stillens erfolgt. Unterschieden wird in internationaler Literatur üblicherweise zwischen exklusivem und nicht-exklusivem Stillen. In der Studie von Xias Team war exklusives Stillen im Vergleich zum Nicht-Stillen mit einem um 53 % geringeren Risiko für eine PPD verbunden; im Vergleich zum Teilstillen lag die Risikoreduktion bei 8 %. Ähnliche Ergebnisse berichten Rasoul Alimi und Kolleg:innen: Mütter, die exklusiv stillten, hatten ein deutlich niedrigeres Risiko für eine PPD als alle anderen (Alimi et al., 2022).
Fazit
Eine maternale postpartale Depression ist nicht nur als individuelle Beeinträchtigung zu verstehen, sondern als ein Geschehen, das tief in die Mutter-Kind-Dyade hineinwirkt und sowohl die Entwicklung des Neugeborenen als auch das gesamte Familiensystem beeinträchtigen kann. Je früher eine PPD erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Prognosen – für alle. Im Rahmen der Wöchnerinnenbetreuung kann das Wissen um bekannte Risikofaktoren Hebammen dabei unterstützen, PPD-gefährdete Frauen frühzeitig zu identifizieren, im Hinblick auf die Erkrankung zu monitoren und bei Bedarf geeignete Unterstützungsmaßnahmen einzuleiten.
Die Forschung zeigt, dass rund um Geburt und Wochenbett verschiedene Schutz- und Risikofaktoren bestehen: Kaiserschnitte, insbesondere Notfallkaiserschnitte, erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine PPD, während Stillen – insbesondere exklusives Stillen – einen schützenden Effekt entfaltet. Auch bei instrumentellen vaginalen Geburten zeigt sich in Studien ein leicht erhöhtes Risiko für eine PPD. Für pharmakologische Interventionen wie Anästhesie oder wehenfördernde Mittel liegen bislang uneinheitliche Befunde vor, so dass ihr Einfluss auf die Entstehung einer PPD noch nicht abschließend geklärt ist und weiterer Forschungsbedarf besteht.

