Das Gefühl, vom Geschlecht des ungeborenen Kindes enttäuscht zu sein, kann die Schwangerschaft belasten.
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»Hauptsache gesund!« So lautet meist der größte Wunsch der Eltern in einer Schwangerschaft. Doch was, wenn da noch ein anderer Wunsch ist und was, wenn dieser nicht erfüllt wird? »Gender Disappointment« beschreibt die Enttäuschung werdender Eltern über das Geschlecht des Kindes. Wie gehen wir damit um und wie können Eltern kompetent betreut werden?
Bereits in der Schwangerschaft entstehen bei werdenden Eltern Ideen und Vorstellungen, wie ihre Familie aussehen könnte. Studien zeigen, dass werdende Eltern im zweiten Trimester beginnen, sich konkrete Bilder von der Eltern-Kind-Beziehung und über ihr zukünftiges Kind zu machen (Mercer, 2004). Diese beinhalten Vorstellungen zu seinem Aussehen, Annahmen über seine Persönlichkeit und schließen in der Regel auch Ideen zum Geschlecht des Ungeborenen ein. Mit der Möglichkeit der Geschlechtsdiagnostik durch Ultraschall oder pränatale Tests wird das Geschlecht häufig bereits im zweiten Trimester bekannt. Für viele Eltern bedeutet diese Information eine Konkretisierung der Vorstellungen vom zukünftigen Kind. Entspricht das mitgeteilte Geschlecht jedoch nicht der elterlichen Vorstellung, so kann dies Gefühle von Enttäuschung, Irritation und Trauer auslösen.
Was umfasst »Gender Disappointment«?
In sozialen Medien und zunehmend in der wissenschaftlichen Literatur werden diese Gefühle unter dem Begriff »Gender Disappointment« diskutiert (u.a. Jayarajah, 2023; Hendl & Browne, 2020; Stahnke & Cooley, 2025). Er beschreibt subjektive Gefühle von Traurigkeit oder Enttäuschung, wenn das erträumte Geschlecht des Kindes nicht den eigenen Erwartungen entspricht. Diese Wünsche waren in ihrer Intensität bis zu diesem Zeitpunkt oft gar nicht bewusst spürbar. Sie werden erst durch die Enttäuschung bei der Mitteilung des Geschlechtes erkannt.
In Elternforen im Internet finden sich viele Beiträge, die von »Gender Disappointment« berichten und besonders häufig den Wunsch nach einem Mädchen thematisieren. Diese Alltagsbeobachtung wird auch wissenschaftlich bestätigt. So zeigt eine Studie aus Warschau anhand von Daten aus elf zentral- und osteuropäischen Staaten, dass Eltern eher noch ein zweites Kind bekamen, wenn das erste ein Junge war (Grabowska & Cukrowska-Torzewska, 2023). Für Deutschland konnten sie diesen Effekt auch für das dritte Kind nachweisen. Eltern, die schon zwei Jungen haben, bekommen demnach häufiger noch ein drittes Kind, während die Familienplanung mit zwei Mädchen oft abgeschlossen ist.
Demografische Studien zeigen darüber hinaus, dass Eltern in vielen Ländern weniger eine Präferenz für ein bestimmtes Geschlecht als vielmehr für eine gemischte Geschwisterkonstellation haben (Hank et al., 2008). Eltern mit mehreren Kindern gleichen Geschlechts berichten teilweise von geringerer Zufriedenheit oder einem erneuten Kinderwunsch, um eine »ausgeglichene« Geschlechterverteilung zu erreichen (Margolis & Myrskylä, 2016).
Vermutlich gab es bei werdenden Eltern schon immer Geschlechtspräferenzen. Historisch wurde vor allem die sogenannte »Son Preference« untersucht – also eine Präferenz für männliche Kinder, die in verschiedenen Kulturen dokumentiert ist und oft dem Wunsch nach einem Stammhalter und männlichen Erben entsprang. Gegenwärtig zeigt sich tatsächlich eher eine Präferenz für eine Tochter (Jensen & McKell, 2025). Vermutlich kommen diese Geschlechtspräferenzen unter anderem durch stereotype Rollenvorstellungen zustande, so zum Beispiel der Idee, dass Mädchen einfacher zu erziehen wären, dass Eltern mit einer Tochter eine stärkere, lang anhaltende Familienbeziehung haben könnten oder dass Mütter sich aufgrund von angenommenen Gemeinsamkeiten eher mit einer Tochter identifizieren könnten. Weiterhin spielen neben gesellschaftlichen Geschlechterstereotypen aber auch Vorstellungen über Geschwisterkonstellationen, eigene biografische Erfahrungen, kulturelle oder familiäre Erwartungen eine Rolle.
In der Regel richtet sich die Enttäuschung bei der Mitteilung des biologischen Geschlechts nicht gegen das reale Kind. Eltern trauern um den Verlust eines inneren Wunschbildes, von dem sie sich verabschieden müssen, was verständlicherweise Gefühle von Trauer und Enttäuschung mit sich bringt. In diesem Sinne kann Gender Disappointment daher als eine Phase der Trauer um ein inneres Wunschbild verstanden werden und nicht als Ablehnung des ungeborenen Kindes.
In der Regel bleiben diese Gefühle jedoch nicht lange bestehen und verblassen im Laufe der Schwangerschaft oder spätestens nach der Geburt. Auch haben sie nicht grundsätzlich Auswirkungen auf die Entwicklung von Bindung und Beziehung zum Ungeborenen, denn meistens können sich die Eltern nach einem kurzen Trauer- und Anpassungsprozess uneingeschränkt auf ihr ungeborenes Kind einlassen. Auch wenn es nicht leichtfällt, verabschieden sie sich von ihren Vorstellungen und entwickeln neue Ideen und Zukunftsbilder und kommen so wieder in einen Zustand positiver und freudiger Erwartung.
Enttäuschung, Schuld und Scham
In Einzelfällen kann sich eine enttäuschte Geschlechtspräferenz aber auch belastend auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirken. Manche Eltern hadern sehr mit sich und ihrer anfänglichen Enttäuschung. Das Eingeständnis, sein Kind zunächst nicht vorbehaltlos akzeptiert zu haben, kann große Schuld- und Schamgefühle auslösen, die durch Äußerungen aus dem sozialen Umfeld verstärkt werden können.
Längerfristig negative Auswirkungen können sich ergeben, wenn diese Gefühle und Gedanken aus Angst vor sozialer Verurteilung verschwiegen und unterdrückt werden. Dies kann aus Sorge vor fehlendem Verständnis der Fall sein, aber auch weil die gesellschaftliche Suggestion im Raum steht: »Egal ob Junge oder Mädchen – Hauptsache gesund!«, die keinen Raum für andere Emotionen als Freude lässt.
Mutterschaft und Elternschaft sind kulturell stark idealisiert. Von Eltern wird häufig erwartet, ausschließlich Freude und Dankbarkeit zu empfinden, ambivalente Gefühle passen nur schwer in dieses Idealbild. Vor diesem Hintergrund bleiben Eltern allein mit ihren inneren Ambivalenzen und Unsicherheiten. Die oft mit selbstabwertenden Gedankenschleifen einhergehenden inneren Ambivalenzen begünstigen dann wiederum die Entstehung von Gedankenspiralen. Die Idee, eine »schlechte Mutter« oder ein »schlechter Vater« zu sein, steht in deren Mittelpunkt und wird aus dem Gedanken gespeist, das Kind vermeintlich nicht vorbehaltlos zu akzeptieren und zu lieben. Solche Spiralen verhindern die Kontaktaufnahme mit dem realen Kind und somit auch die Entwicklung einer positiven Beziehung zum Ungeborenen (Rohde & Dorn, 2022; Dorn & Rohde 2023). Darüber hinaus können sie auch die Entstehung einer Postpartalen Depression begünstigen (Rohde et al., 2023).
Die größte Belastung entsteht für die werdenden Eltern demzufolge also nicht aus der Enttäuschung über das tatsächliche Geschlecht des Kindes, sondern häufig aus dem Tabu, darüber zu sprechen aufgrund der Angst vor einer sozialen Verurteilung.
Pathologisierung oder Sprachfähigkeit?
Der Begriff Gender Disappointment definiert keine eigenständige psychische Diagnose, aber er umschreibt ein Phänomen, für das es bisher noch keinen Namen gab und das zunehmend beschrieben wird (Jayarajah, 2023). Betroffene Eltern können somit ihre Empfindungen einordnen und ihnen »einen Namen geben«. Sie erleben, dass sie nicht allein sind und können durch einen möglichen Austausch erfahren, was anderen Müttern und Vätern geholfen hat, Trauergefühle zu verabschieden und mit ihrem ungeborenen Kind in Kontakt zu kommen. Sie finden Worte für bislang tabuisierte Gefühle – und damit die Chance, einen Raum zu öffnen, in dem ambivalente Emotionen fassbar gemacht und Schamgefühle reduziert werden können. Damit wird eine konkrete Reflexion und Unterstützung möglich.
Gleichzeitig kann durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Phänomen Gender Disappointment und der damit verbundenen Darstellung in den sozialen Medien möglicherweise aber auch eine Pathologisierung von »normalen« Empfindungen beim Übergang zur Elternschaft stattfinden. In dieser Phase entwickeln Eltern Vorstellungen über das künftige Kind, die eigene Rolle als Mutter oder Vater und die künftige Familienstruktur. In der perinatalen Psychologie wird zunehmend betont, dass ambivalente Gefühle beim Übergang zur Elternschaft nicht ungewöhnlich sind (Gloger-Tippelt, 1998). Schwangerschaft bedeutet nicht nur Vorfreude, sondern auch Anpassung, Abschied von Erwartungen und Integration neuer Rollen. In diesem Sinne kann Gender Disappointment als Teil eines normalen psychischen Anpassungsprozesses verstanden werden. Hier besteht die Gefahr, dass die für diese Phase typischen Ambivalenzen und Unsicherheiten durch eine fortwährende Abwägung und Selbstbeobachtung vorschnell pathologisiert werden.
Für die professionelle Begleitung ist daher entscheidend, den Begriff nicht diagnostisch, sondern individualisiert zu erfassen. Dabei gilt es, nicht zu schnell zu »verstehen«, was mit dem Begriff gemeint sein kann, sondern immer wieder zu hinterfragen, was genau Betroffene damit verbinden. Im Vordergrund sollte dabei die Frage stehen, welche Belastungen und Ängste sich daraus für die werdenden Eltern ergeben.
Fallbeispiel
Sabine, 38 Jahre, erwartet ihr drittes Kind. Nach zwei Söhnen hat sie sich immer vorgestellt, irgendwann eine Tochter zu bekommen.
Als beim Ultraschall erneut ein Junge festgestellt wird, reagiert sie zunächst mit starker Enttäuschung. Gleichzeitig empfindet sie Scham über diese Reaktion. »Ich sollte doch einfach nur dankbar sein«, sagt sie. Als sie mit einer Freundin über ihre Gefühle spricht, hat diese kaum Verständnis für sie und hält ihr vor, dass sie ihr Glück nicht zu schätzen wüsste und froh sein sollte, dass ihr Kind gesund sei. Sabine traut sich nach diesem Gespräch nicht mehr, ihre Gefühle zu benennen und verheimlich sie sogar gegenüber ihrem Partner.
Erst im Gespräch mit ihrer Hebamme gelingt es ihr, ihre Gefühle noch einmal zu formulieren. Durch die empathische und verständnisvolle Reaktion der Hebamme kann sie ihre Gefühle beschreiben und erfährt Verständnis und Wertschätzung. So gelangt sie zu der Erkenntnis, dass nicht ihr Sohn das Problem ist, sondern das Abschiednehmen von der Vorstellung, Mutter einer Tochter zu werden.
In den folgenden Wochen beginnt sie, neue Bilder und Erwartungen zu entwickeln. Nach der Geburt beschreibt sie eine rasch wachsende emotionale Bindung zu ihrem Sohn.
Empfehlungen für die Hebammenpraxis
Eltern einfühlsam begleiten
Einerseits gilt es, emotional belastende Gedanken und Aussagen ernst zu nehmen und sensibel zu begleiten. Andererseits kann eine ungerechtfertigte Pathologisierung vermieden werden, indem solche Gefühle im Kontext von Erwartungsprozessen und Identitätsveränderungen verstanden werden. Die Begleitung von Eltern in dieser Phase erfordert daher vor allem eines: einen offenen Raum für ambivalente Gefühle, um Enttäuschung offen aussprechen zu können, ohne Angst vor Verurteilung. Hieraus ergibt sich dann die Möglichkeit, eine intensive Beziehung zum realen Kind zu entwickeln.
- Emotionen und Gedanken, die Eltern äußern, sind ernst zu nehmen und respektvoll anzuerkennen. Auf diese Weise kann es den werdenden Eltern gelingen, ihre Gefühle als Abschied von einer inneren Vorstellung einzuordnen. Gleichzeitig kann die Erkenntnis wachsen, dass dieser Abschied aber nicht mit der Ablehnung des ungeborenen Kindes einhergeht.
- Im Gespräch können unbewusste Motive und Wünsche erfasst werden, die den ambivalenten Gefühlen zugrunde liegen. Diese werden dann einem »Realitätscheck« unterzogen. So kann es gelingen, sich von Vorstellungen zu verabschieden und diese zu betrauern. Gleichzeitig können auch neue Ideen generiert werden, wie diese Vorstellungen immer noch realisiert werden können und somit ein erster Schritt in die »neue Zukunft« aussehen kann.
- Elterliche Enttäuschung über das »falsche« Geschlecht des Ungeborenen wird häufig indirekt geäußert, verborgen oder relativiert, durch Aussagen wie »Hauptsache gesund«. Es kann gesprächsöffnend sein, nach den Vorstellungen der werdenden Eltern zu fragen, zum Beispiel: »Hattest du vor dem Ultraschall ein Gefühl, welches Geschlecht dein Kind haben wird?« oder: »Was war deine erste Reaktion, als du gehört hast, dein Kind ist ein Junge/Mädchen?«
- Es kann hilfreich sein, auf Erfahrungen anderer Eltern zu verweisen, die in der Schwangerschaft ähnliche Gedanken geäußert haben. Auch der Hinweis auf »normale« Anpassungsprozesse in der Schwangerschaft« kann für werdende Eltern entlastend sein. Besonders die Einordnung, dass die Trauer sich auf eine Wunschvorstellung bezieht und nicht als Ablehnung des Kindes zu verstehen ist, wirkt oft sehr entlastend.
- Immer dann, wenn werdende Eltern sich länger schwertun, das Geschlecht ihres Kindes zu akzeptieren, starke Schuld- oder Schamgefühle beschreiben, eine zunehmende Distanz zur Schwangerschaft entwickeln oder das Gefühl äußern, belastet zu sein, braucht es neben Gesprächsangeboten auch therapeutische Unterstützung. Nicht erst, wenn es »richtig schlimm ist«, auch schon, wenn es sich belastend oder schwierig anfühlt. Als Anlaufstellen können Schwangerenberatungsstellen genannt werden oder Therapeutinnen, die zum Beispiel über den Verein Schatten & Licht e.V. zu finden sind.
- Um Abschied vom Wunschbild zu nehmen, können Rituale unterstützen. Etwa ein Brief an das Mädchen, das man nicht bekommt, oder an den Jungen, den man erwartet, in dem man sich entschuldigt, dass man ihn womöglich etwas zögerlich willkommen geheißen hat. Auch ein Schreiben an sich selbst kann hilfreich sein, in dem Betroffene mit Selbstmitgefühl ihre Situation einordnen,so wie sie an eine gute Freundin schreiben würden, und so einen ersten Schritt zur Bewältigung gehen.
Fazit
Gender Disappointment beschreibt die Enttäuschung werdender Eltern, wenn das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes nicht ihren Erwartungen entspricht – ein Gefühl, das großen seelischen Druck verursachen und die Schwangerschaft belasten kann. Es ist ein subjektiver emotionaler Zustand, der nicht automatisch auf strukturelle Probleme, mangelnde Liebe zum Kind oder klassische psychische Störungen verweist. Es handelt sich um ein emotionales Phänomen, das bei Eltern beiderlei Geschlechts auftreten kann. Geschlechtspräferenzen sind normal, doch anhaltende Enttäuschung sollte ernst genommen werden. Mit Verständnis, Mitgefühl und professioneller Unterstützung lässt sich die Situation verarbeiten und eine liebevolle Beziehung zum ungeborenen Kind ausbauen.

