»Arten zu sein« (2004): Maria Lassnig zeigt sich selbst in drei verschiedenen Zuständen.
Foto: © Birgit Heimbach
Zwei Künstler:innen, zwei Bildsprachen – und ein gemeinsames Anliegen: die Erforschung innerer Zustände. Die Hamburger Kunsthalle stellt die österreichische Künstlerin Maria Lassnig und den norwegischen Maler Edvard Munch einander gegenüber und zeigt, wie beide das Verhältnis von Körper, Gefühl und Existenz malerisch einfangen.
Sie liebte es, groß zu malen. Das Gemälde »3 Arten zu sein« von 2004 ist gut zwei Meter breit. Es zeigt drei Erscheinungsformen innerer Seinszustände – mit überdimensional großen Köpfen. Maria Lassnig (1919– 2014) stellte sich hier, wie fast immer, selbst dar: links deformiert und schreiend als fühlender und verletzlicher Leib, in der Mitte mit Schweinerüssel als Tier und triebhaftes Wesen sowie rechts in Denkerpose als reflektierendes, bewusstes Ich.
Body Awareness
Das Abmalen der Natur, so die Österreicherin, sei ihr zu leicht gefallen. Deshalb habe sie Schweres gesucht (Gampert, 2003). 1949 kam sie drauf, subjektiv empfundene Körperzustände im Raum zu malen, ihr erstes Körperbewusstseinsbild entstand: » Wie ich sitze, die Druckstellen auf dem Hinterteil und so weiter. Die Empfindungen waren für mich so etwas Seltsames und schwer zu definieren und schwer zu malen, das war für mich die Herausforderung.« (Gampert, 2003) Fortan machte sie vor allem ihren eigenen Körper zum Mittelpunkt ihrer Kunst. Wie fühlen sich die Füße beim Stehen an? Wie fließt der Atem? Wo gibt es Verspannungen oder Schmerz?
Sie nahm in Kauf, bei diesen Malereien, die sie »Body Awareness Paintings« nannte, mitunter grotesk zu erscheinen. Sie beschönigte nichts, scheute nicht vor (Selbst-)Ironie zurück. In ihrem Animationsfilm »Maria Lassnig Kantate« erklärte sie, sie sei ja eh nicht mit Schönheit, dafür wie ein »neuer Dürer« mit Talent ausgestattet worden. Sie reflektierte malend auch Themen wie Familie, Tod und drängende gesellschaftliche Fragen, etwa die Rolle der Frau in der Gesellschaft, politische Konflikte sowie den technologischen Fortschritt und die Kommunikation zwischen Mensch und Tier.
Doppelausstellung
Eine starke Inspirationsquelle war offensichtlich der norwegische Maler Edvard Munch (1863–1944), weshalb die Hamburger Kunsthalle die Arbeiten der beiden einander gegenübergestellt hat – mit dem Untertitel »Malfluss = Lebensfluss«, übernommen von dem Namen eines Gemäldes von Lassnig. Er signalisiert die untrennbare Verbindung von Kunst und Leben. Für Lassnig und Munch war das Malen eine Selbst- und Weltbefragung, erklärt die Kuratorin Brigitte Kölle: »Beide versuchten, innere Bilder in äußere zu übersetzen. Beide verbindet ein einzigartiger Umgang mit Farbe als gestalterisches Mittel und als starkes Ausdruckselement für das Innere: für Emotionen wie Trauer, Liebe, Einsamkeit, Angst, Freude oder Schmerz.« Bei Munch, der seine Kunst als eigenes Herzblut sah, sei es aber noch stärker um seelische Gefühle gegangen als bei Lassnig.
»Das Weib« (1895): Edvard Munch zeigt drei Frauen in verschiedenen Zuständen.
Foto: © Birgit Heimbach
Oft gibt es in der Ausstellung wunderbare Entsprechungen in der Hängung. So gibt es im direkten Nebeneinander zu dem Werk »3 Arten zu sein« zwei von mehreren Werken Munchs, die Frauen in drei verschiedenen Zuständen zeigen, etwa die Radierung »Das Weib II«. Dazu schrieb er, dass es sich um Frauen aus dem Drama »Wenn wir Toten erwachen« (1899) des Norwegers Henrik Ibsens (1828–1906) handle, die dieser psychologisch und symbolistisch stark ausgearbeitet hatte (Bischoff 1988). So ist laut Munch die weiß gekleidete Figur die im Drama dem Leben entgegenträumende Irene, die die verlorene Liebe, das verpasste Leben und die tragische Muse verkörpere. In der Mitte, nackt, ist die lebensfrohe Maja, mit der Ibsen das einfache Leben verkörpere. Die trauernde Frau mit dem starr blickenden, bleichen Gesicht zwischen den Baumstämmen sei Irenes Krankenpflegerin.
Ein anderes Mal verglich Munch die Frauen dieser Reihe mit den Jahreszeiten: Lockend wie das Frühjahr, in süßer Erwartung duftend, scheu und lieblich verführend wie der Vogelsang und die Blumen des Feldes. Das volle Lächeln des Sommers mit dem Wachsen der Früchte stehe für das glückliche Lächeln der Mutter. Das sorgenvolle Lächeln des Winters, ernst und schmerzlich wie der Todestrank erinnere an die Vollendung des Lebens. Diese Anregung kam wohl von dem Gedicht »Die drei Frauen« des dänischen Dichters Johannes Jørgensen (1866–1956), das ein Jahr vor der Entstehung des Bildes veröffentlicht wurde. Laut dem ehemaligen Leiter der Hamburger Kunsthalle Uwe Schneede könnte Munch auch die drei unterschiedliche Lebensalter von Frauen gemeint haben (siehe Link: Drei Frauen). Der deutsche Kunsthistoriker Ulrich Bischoff sprach schlicht von »Visualisierung von Vorstellungen im Kopf eines Mannes« (Arnold, 1986).
Lebenskreislauf
Munch und Lassnig, beide kinderlos, setzten sich bildnerisch mit dem Lebenskreislauf auseinander. Munch wurde von der Lebensphilosophie des Wissenschaftlers Ernst Haeckels (1834–1919) beeinflusst, nach der alles aus einer einzigen Ursubstanz wächst und auch anorganische Materie Leben und Seele besitzt. Der Norweger stellte etwa eine Tote in der Erde dar, neben der sich spermienähnliche Formen nach oben bewegen, während oberirdisch unter einem Apfelbaum eine Schwangere erscheint. »Stoffwechsel« heißen solche Arbeiten zwischen 1897 und 1916. Maria Lassnig ließ auf einer Zeichnung von 1989, auf der »Stoffwechsel, Selbstreparatur, Replikation = Lebewesen« zu lesen ist, zwei biomorphe Formen Stoffe austauschen und kükenähnliche Gestalten sich verdoppeln. Nach dem Tod der Mutter stellte sie mehrfach deren nackten Körper dar, aus dem – so 1964 und 1966 – Hyazinthen und andere Blumen wachsen.
Im Gegensatz zu Lassnig verzerrte der oft schwermütige Munch nicht, aber in seinem wohl berühmtesten Werk »Der Schrei« 1893 dann doch: Auf einer Brücke schreit zitternd er selbst nach einer Panikattacke, während der Himmel entsprechend in Rot und Orange vibriert. Er fühlte einen »unendlichen Schrei, der durch das Universum ging und die Natur zerriss«, schrieb er 1892 in sein Tagebuch (Link: Munch, der Schrei). Im Ausstellungskatalog zieht der belgische Maler Luc Tuymans den Vergleich zum Schrei, den wir bei der Geburt oder bei qualvollen Schmerzen ausstoßen. Lassnig ließ sich von diesem Bild inspirieren und stellte sich öfter schreiend dar, wie 1981 als »Die Schreiende, der jemand die Augen zuhält«. Es entstand kurz nach ihrer Rückkehr aus New York in ihre Heimat, wohin sie als Kunstprofessorin berufen wurde, was sie nur zögernd annahm. Wie Munch bevorzugte sie oft eher die Isolation. Emotionale Überforderung war wohl bei beiden lebenslang ein Thema.

