Foto: © Thomas Oberländer / Helios Kliniken

Soziale Medien verändern den Umgang mit Kritik an Hebammen. Ein persönlicher Kommentar über Vorverurteilungen, die Folgen öffentlicher Anschuldigungen und die Frage, wie faire Debatten gelingen können.

Vor nicht allzu langer Zeit kursierte in den sozialen Medien ein Video mit dem Titel »Ich habe meine Hebamme verklagt«. Dieses Video und die dazugehörigen Kommentare schockierten mich sehr. Nicht, weil wir Hebammen grundsätzlich vor Kritik oder rechtlichen Konsequenzen geschützt werden sollten – selbstverständlich müssen Fehler aufgearbeitet werden. Nachdenklich machte mich vielmehr die öffentliche Wahrnehmung, die durch eine solche Aussage entstehen kann. Eine Frage stellte sich mir dabei besonders: Wie geschützt sind wir Hebammen, wenn Vorwürfe öffentlich verhandelt werden?

Als Hebammen begleiten wir Menschen in einer der emotionalsten, intensivsten und gleichzeitig unvorhersehbarsten Phasen ihres Lebens. Besonders die Geburtsbegleitung ist und bleibt einzigartig. Wir können noch so gut nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeiten, Leitlinien einbeziehen und unsere Erfahrungen einbringen. Trotzdem gibt es keine Garantie für komplikationslose Verläufe. Wir können noch so sorgfältig arbeiten, und dennoch wird es Situationen geben, die sich innerhalb von Sekunden verändern und Entscheidungen verlangen, die unter enormem Zeitdruck getroffen werden müssen.

Das Problem: In öffentlichen Debatten wird häufig der Eindruck vermittelt, dass bei einem unerwünschten Ausgang zwangsläufig jemand einen Fehler gemacht haben muss. Die Realität ist jedoch deutlich komplexer. Zwischen einem unvorhersehbaren Verlauf und einem tatsächlichen Behandlungsfehler besteht ein wesentlicher Unterschied. Dies zu beurteilen ist Aufgabe unabhängiger Sachverständiger und Gerichte, nicht der sozialen Medien.

Wenn persönliche Erfahrungen einer Geburt öffentlich geteilt werden, können aus wenigen Informationen schnell konkrete Annahmen entstehen. Außenstehende kennen meist nur einen Ausschnitt des Geschehens und ziehen dennoch Rückschlüsse auf Verantwortlichkeiten oder mögliche Fehler. Dabei bleiben wichtige Hintergründe unberücksichtigt.

Als Hebammen arbeiten wir unter hohen Anforderungen. Dabei gibt es Situationen, in denen Fehler passieren. Schließlich ist niemand im Gesundheitswesen unfehlbar, auch wenn wir uns das gerne anders wünschen würden. Viele Kolleg:Innen leiden noch Jahre später unter belastenden Verläufen, hinterfragen immer wieder ihre Entscheidungen und tragen das Erlebte mit sich. Sie erleben sogenannte »Second-Victim«-Situationen, wenn sie nach einem kritischen Ereignis psychisch stark belastet sind.

In dieser vulnerablen Situation werden Menschen nun regelrecht in eine Öffentlichkeit gezerrt, gegen die sie sich kaum wehren können. Auch ohne Namensnennung können Personen anhand weniger Angaben identifizierbar sein. Zugleich werden Konflikte, die eigentlich der fachlichen oder juristischen Klärung bedürfen, zunehmend in sozialen Medien verhandelt. Dort entstehen oft Bewertungen, bevor die Hintergründe umfassend bekannt sind. Aus einem individuellen Erleben wird so nicht selten ein Urteil über einzelne Hebammen oder sogar einen ganzen Berufsstand.

An dieser Stelle wünsche ich mir mehr gegenseitiges Verständnis. Die von uns betreuten Personen verdienen eine ehrliche Aufklärung, Mitgefühl sowie eine sorgfältige Prüfung ihres Erlebten. Wir als Hebammen verdienen aber ebenso Fairness, Respekt und die Chance, dass unsere Arbeit differenziert betrachtet wird. Nur wenn beide Seiten ernst genommen werden und in einem guten Austausch bleiben, können wir aus schwierigen Situationen lernen und die Hebammenarbeit weiter verbessern. Über soziale Medien scheint dieser Austausch jedoch nicht in ausreichendem Maße zu gelingen.


Aufruf
Für das kommende Jahr planen wir ein Schwerpunktheft zum Thema »Gewalt und Kritik gegen Hebammen«. Wenn Sie zu diesem Themenfeld wissenschaftlich arbeiten, bereits publiziert haben oder eigene Erfahrungen und Perspektiven einbringen möchten, freuen wir uns, von Ihnen zu hören.
Kontakt: redaktion@staudeverlag.de


Zitiervorlage
Richter, T. (2026). »Wer schützt uns Hebammen?«. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 78 (10), 53.

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