Nach einer In-vitro-Fertilisation liegt die Chance auf eine erfolgreiche Schwangerschaft bei 30–40 %. Deshalb setzen viele Paare auf Zusatztherapien – doch deren Nutzen erscheint fragwürdig. Illustration: © galangfr/stock.adobe.com

Im vergangenen Jahrzehnt sind für die Fruchtbarkeitsbehandlung mit einer In-vitro-Fertilisation (IVF) immer mehr Zusatztherapien verfügbar geworden. Diese Verfahren, Medikamente oder Techniken sollen die Erfolgsraten erhöhen. Eine neue Metaanalyse vom Royal Women’s Hospital der University of Melbourne, Australien, bietet nun umfassende systematische Übersichten zu zehn gängigen IVF-Zusatztherapien – und kann für den meisten keine Evidenz feststellen. Sie bewertet auch die Vertrauenswürdigkeit früherer Studien – und hat von 157 randomisiert-kontrollierten Studien 72 ausgeschlossen, weil es erhebliche Zweifel an ihrer wissenschaftlichen Verlässlichkeit gab.

Zehn Add-ons untersucht

Für die Paare mit Kinderwunsch liegt die Wahrscheinlichkeit, nach einem IVF-Zyklus ein Kind zu bekommen, bei etwa 30–40 %. Viele greifen deshalb zusätzlich zu IVF-Add-ons, die die Erfolgschancen verbessern sollen. Die Metaanalyse, die in The Lancet veröffentlicht wurde, untersuchte zehn häufig eingesetzte IVF-Add-ons, darunter Akupunktur, Kortikosteroide, EmbryoGlue, Endometrial Scratching, den Endometrial-Receptivity-Array-(ERA)-Test sowie Präimplantationstests auf Aneuploidien (PGT-A).

Nur bei drei Verfahren gab es Hinweise auf einen möglichen Nutzen:

  • Das Endometrial Scratching, ein gezieltes Anritzen der Gebärmutterschleimhaut vor dem Embryotransfer, war mit einer leicht erhöhten Wahrscheinlichkeit für Schwangerschaft und Lebendgeburt assoziiert.
  • Die physiologische intrazytoplasmatische Spermieninjektion (PICSI), bei der Spermien anhand ihrer Bindung an Hyaluronsäure ausgewählt werden, war mit einer geringeren Fehlgeburtsrate verbunden. Eine höhere Lebendgeburtenrate konnte aber nicht nachgewiesen werden.
  • EmbryoGlue, ein hyaluronsäurehaltiges Embryotransfermedium, war mit höheren Schwangerschaftsraten assoziiert. Der mögliche Effekt auf die Lebendgeburtenrate erwies sich jedoch als nicht robust.

Kritischer Kommentar

David Barad vom Center for Human Reproduction in New York schreibt dazu in einem Kommentar zur evidenzbasierten Fertilitätsmedizin: »Behauptungen sollten anhand belastbarer Studien geprüft werden. Unsicherheiten sollten klar kommuniziert und nicht hinter optimistischer Sprache verborgen werden. Und Patienteninformationen sollten als Teil der klinischen Intervention verstanden werden – nicht als Marketinginstrument.«

Wenn unrealistische Erwartungen an Zusatzbehandlungen vermieden werden sollen, dürften wissenschaftliche Studien nicht von der Branche finanziert werden, die diese Verfahren selbst vermarktet. »Wir brauchen mehr öffentliche Förderung großer klinischer Studien, unabhängige Evidenzbewertungen und eine stärkere wissenschaftliche Qualitätskontrolle.«

IVF-Kliniken sollten keine IVF-Add-ons ohne nachgewiesene Evidenz anbieten. Denn allein die Verfügbarkeit werde von den Patient:innen häufig als Empfehlung interpretiert.

Quelle: Lensen, S., Wilkinson, J., Steeper, M., Melo, P., Kamath, M.S., Craciunas, L., Wang, R., Jordán, V., Showell, M., Attinger, S.A., Afroz, A., Wely, M.V., & Farquhar, C. (2026). Safety and effectiveness of ten common in-vitro fertilisation add-ons: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Obstetrics, Gynaecology, & Women’s Health. DOI: 10.1016/S3050-5038(26)00054-3. · Deutsches Ärzteblatt, 24.6.2026 · DHZ

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