In ihrem Vortrag plädierte Prof. Dr. Katrina Kraft für einen Perspektivwechsel: Kinder in Beckenendlage lägen nicht »falsch herum«, sondern einfach anders. Foto: © Alessandra Scheede / DHZ
Unter dem Motto »Hebammenkunst mit Intuition, Erfahrung und Evidenz« trafen sich Ende September rund 700 Hebammen beim 8. DHZCongress des Elwin Staude Verlags in Hannover. Das Programm reichte von Intuition und Salutogenese bis zu Forensik und sicherem Vorgehen bei Notfällen.
Was für eine schöne Überraschung: Da stand sie, Olga Gebauer, im langen, schwarzen, hochgeschlossenen Kleid mit einer kunstvollen Brosche am Stehkragen, die Haare streng zurückgesteckt im Dutt, und verteilte erstmals ihre neu gegründete Hebammenzeitung an die Hebammen. Zeitreise mitten hinein in das wilheminische Berlin im Jahr 1886: Olga Gebauer staunte nicht schlecht, was aus ihren Kolleginnen geworden ist, die dankend und lachend das Gedruckte entgegennahmen. Und sie staunte auch über das, was sie da verteilte: eine bunte, mit vielen spannenden Artikeln gespickte DHZ aus dem Jahr 2026.
Wir befinden uns im Congress Centrum Hannover und gedenken des Gründungstages der ersten Hebammenzeitschrift vor 140 Jahren. Toll, was Requisiten und eine junge Informatikstudentin darstellen können! Britta Zickfeldt, Verlegerin der DHZ in der vierten Generation, erinnerte die knapp 700 Teilnehmenden in ihrer herzlichen und frischen Begrüßung zum 8. DHZCongress an diese kluge Frau, die damals mit der Zeitung das Ziel verfolgte, Wissen zu vermitteln, Hebammen zu vernetzen und Schätze zu heben. Dass es auch heute immer wieder neue Schätze zu heben gibt, zeigte dieser zweitätige Kongress.
Anlässlich des 140. Geburtstags der DHZ erschien Olga Gebauer und verteilte Zeitschriften.
Foto: © Alessandra Scheede / DHZ
Engagierte Begrüßungsworte fand Hilke Schauland, erste Vorsitzende des niedersächsischen Landesverbandes. Sie wünscht sich neue Modelle in der Primärversorgung, etwa ein Zentrum, an dem sich Hebammen gemeinsam mit anderen Professionen um junge Familien kümmern – als Gegenentwurf zu einer fragmentierten Versorgung.
In Zukunft noch besser
Moderatorin Kathrin Ruff, selbst Hebamme und maßgebliche Programmgestalterin, leitete mit Kompetenz und fröhlicher Stringenz über zum ersten der 14 meist 45-minütigen Vorträge: Sie begrüßte Dr. Christiane Schwarz, die an der Universität zu Lübeck bis 2024 Studiengangleiterin war und dort auf Lebenszeit zur Professorin ernannt wurde. In ihrem Vortrag reflektierte diese provokant die Standardbehauptung »Früher war alles besser «. Absolut nicht, das zeigte schon ihr Verweis auf ihre eigene Geburt 1962: In den Arm ihrer Mutter wurde sie erst gelegt, nachdem diese nach Geburtseinleitung und Forceps im Dämmerschlaf (Twilight Sleep) wieder zu sich gekommen und ihr selbst statt Kolostrum eine Honigmilch eingeflößt worden war.
Eine solche emotional sterile Klinikgeburt hatte sich in Deutschland durchgesetzt, Oxytocin wurde als Wehenmittel bald routinemäßig eingesetzt und immer stärker wurde der Trend zur programmierten Geburt verknüpft mit Interventionen. Als Schwarz selbst Hebamme wurde, fand sie viele gleich gesinnte Kolleginnen, denen eine frauen- und familienzentrierte Geburtshilfe am Herzen lag. Ihr Ziel ist klar: »Zukünftig wird alles besser«. Dazu beigetragen hätten zuletzt etwa die Gründung vom Bündnis Gute Geburt sowie die Entwicklung guter Leitlinien rund um die Geburtshilfe.
Ob in diesem Optimierungsprozess auch Männer willkommen sind, besprachen die Geschlechterforscherin Dr. des. Anna Horstmann, Hebamme Tobias Richter und seine Kollegin Julia Nitsche in der »Mutmach-Diskussion: Hebamme – ein Frauenberuf? « Zunächst zeigte Horstmann, wie der Beruf der Hebamme über die Jahrhunderte abgewertet wurde, so wie generell »weibliche Berufe«. Könnte der Hebammenberuf zukünftig durch männliche Vertreter weiter aufgewertet werden? Könnten Männer wie so oft einen leichteren Zugang zu Führungspositionen haben? Richter rief ein paar Statements von männlichen Hebammen auf, die alle begeistert ihrem Beruf nachgingen und nur selten mit Vorurteilen zu kämpfen hätten. Männliche Dominanz war überhaupt nicht zu spüren. Die Bezeichnung Hebamme für Männer wird heute nicht mehr infrage gestellt, obwohl doch sonst alle Berufe gegendert werden. Der Begriff »Hebammer « wurde bereits 1972 vom Bundesverwaltungsgericht untersagt, und so bleiben auch Männer Hebamme, Midwife und Sage-femme.
Peripartale Kardiomyopathie erkennen und behandeln
Die Molekularkardiologin Prof. Dr. Denise Hilfiker-Kleiner, seit einem Jahr Präsidentin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), möchte in der Universitätsmedizin Prävention, Prädiktion, Präzisionsmedizin und Partizipation verbinden. Sie sprach über ihren Hauptforschungsschwerpunkt: »Peripartale Kardiomyopathie – selten aber lebensbedrohlich«. Die European Society of Cardiology hat 2008 ein EURObservational Research Programme etabliert, wo derzeit 739 Frauen aus 49 Ländern registriert sind. Knapp 50 Frauen aus dieser KoKohorte waren verstorben aufgrund von Herzinsuffizienz oder plötzlichem Herztod. Die Pathomechanismen sind laut Hilfiker- Kleiner sehr unterschiedlich, mitunter sind thrombotische Ablagerungen im Herzen die Ursache.
In ihrer Diskussion gingen Dr. des. Anna Horstmann, Tobias Richter und Julia Nitsche der Frage nach, ob und wie Männer ihren Platz in einem Berufsfeld finden können, das traditionell als Frauenberuf gilt.
Foto: © Stephanie Joedicke / DHZ
Für Deutschland gab es eine Erhebung in Krankenhäusern zwischen 2009 und 2022: Von 1.894 erfassten Frauen wurden 13 Todesfälle dokumentiert. Risiken seien Präeklampsie, Mehrlinge, Rauchen, Adipositas, Chemotherapie bei Krebs, Fertilitätsprobleme, familiäre Herz- oder Krebserkrankungen, zusätzlich hätten Schwarze Frauen ein Risiko. In Experimenten mit Mäusen habe sich als beste Behandlung das Abstillen herausgestellt, so die Forscherin. Eingesetzt wird nun sieben Tage lang nach der Geburt das Medikament Bromocriptin, denn es hemmt die Prolaktinfreisetzung. Und dadurch wird verhindert, dass das Abbauprodukt 16-kDa-Prolaktin entsteht, was bei hohem oxidativem Stress etwa durch den hohen Sauerstoffund Energieumsatz in der Schwangerschaft negativ auf das vaskuläre System wirken kann, indem dieses Hormonfragment das Endothel der Gefäße schädigt, die Gefäßneubildung hemmt und Kapillaren sogar abbaut. Die BOARD-Therapie ist das Merkschema zur Behandlung der peripartalen Kardiomyopathie (PPCM): Bromocriptin, Orale Herzmedikamente, Antikoagulation, vasoRelaxing (gefäßerweiternde) Medikamente, Diuretika bei Flüssigkeitsüberlastung.
Die Intelligenz der Intuition
Der Verhaltensforscher Dr. Niklas Keller sprach über die »Intelligenz der Intuition: Wann entscheidet der Bauch?« und machte deutlich: Intuition kommt nicht aus dem luftleeren Raum, sondern speist sich aus Erfahrungen, aus Beobachtungen und Gelerntem, so dass ein inneres Wissen entsteht. Mitunter entscheide man sich für eine schlechtere Option, um sich für den Fall eines Misserfolges abzusichern. So eine defensive Entscheidung basiere auf der Angst vor dem Irrtum, die größer werde als das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Um das Gespür zu verbessern und ihm dann auch bewusst trauen zu können, müsse man sich auch mal irren dürfen, denn daraus erwachse eine immer größere Kompetenz, erklärte Keller.
Dafür sei Feedback in einem Team bedeutsam, in dem man sich aufgehoben fühlt und in dem ein gemeinsames Lernen möglich ist. Keller sprach auch das »Checklist Manifesto « an, ein Buch des US-Chirurgen Atul Gawande von 2009, der Checklisten etablierte, um etwa Auslassungsfehler zu vermeiden. Aber in der Zwischenzeit sei in unserer Sicherheitskultur eine gewisse Ermüdung eingetreten, sie ständig zu verwenden, denn dabei bestünde die Gefahr, zu sehr zu verkopfen. Jeder zu betreuende Mensch sei eben anders. Und Checklisten könnten nicht Intuition ersetzen. Für eine größere Patientensicherheit sei es nötig, Strukturbrüche etwa durch Personalwechsel zu überwinden. Ein Change Team könne zu neuen Denkweisen verhelfen, indem auch mal eine Ebene in der Hierarchie überwunden wird, etwa wenn eine Hebamme ohne Erfolg von Ärzt:innen ein bestimmtes Verhalten erwartet – mitunter müsse man dann eben direkt zur Chefärztin oder zum Chefarzt gehen. Auch die Hebamme und Hebammenwissenschaftlerin Lisa Müller aus Niederösterreich, beschrieb die Intuition als zentralen Faktor beim Erkennen von Fehlern oder unerwarteten Verläufen. Ihr Thema: »Vorzeitiger Blasensprung. Wie viel Zeit bleibt?«, nachzulesen auch in der DHZ 1/2026 (Sanchez, 2026).
Physiologie und Salutogenese
Corina Scheurer, stellvertretende Leitende Hebamme im Helios Klinikum Pforzheim, stellte das Konzept der Salutogenese vor, das sie bei der italienischen Hebamme Verena Schmid im Masterstudiengang in Salzburg gelernt hatte: »Physiologie! Geburtshilfe in einem Perinatalzentrum «. Obwohl Standardisierung oft sinnvoll sei, schaue sie in ihrem Level-1-Kreißsaal immer auf das Individuum: Wie stimmig ist das Mutterwerden im Leben der Schwangeren? Wie geht sie mit Herausforderungen um? Wie war die Geburtsvorbereitung? Weiß die Frau um die wichtigste Phase der Geburt, die Latenzphase?
Einige besondere Betreuungsinhalte werden in ihrer Klinik durchgeführt, wie bestimmte Craniogriffe, um den Energiefluss zu verbessern, eine Metamorphosenmassage, um Veränderungsprozesse anzustoßen, Beckenlösungen, bei denen auch der Psoas behandelt wird, sowie Beckenübungen, damit sich das Kind unter der Geburt günstiger einstellen kann. Unter der Geburt gibt es ein paar Besonderheiten wie etwa das Abnabeln nach der Plazentageburt und bei Bedarf den »Pforzheimer Umarmungshandgriff«, bei dem die Hebamme die Frau von hinten umarmt, um das Kind in der Geburtsachse zu halten. Deutlich wurde das liebevolle Konzept, in dem sich Frauen gut betreut fühlen können. Trotzdem entgeht man auch hier nicht dem allgemeinen Trend:
Die Sectiorate, die 2011 vor Einführung des salutogenetischen Konzepts bei 32 % lag, ist auf 36 % gestiegen. Scheurer und ihr Team halten an ihrem Prozedere fest, um mit den Menschen in Resonanz zu gehen. Sie zitierte den Soziologen Prof. Dr. Hartmut Rosa: »Werden wir auf die Welt gezerrt und damit ins Leben geworfen oder dürfen wir die Welt betreten und von ihr getragen werden? « Ihrem Vortrag verlieh sie emotionalen Nachdruck, indem sie Bettina Wegners Lied »Kinder« von 1976 vorspielte: »Sind so kleine Seelen… darf man niemals quälen… «. Peggy Seehafer, Hebamme und Anthropologin, hat die Geburtsgewichte der rund letzten 100 Jahren betrachtet unter der Fragestellung: »Verändern sich die kindlichen Proportionen?« Ihr Ergebnis: Wir haben nicht mehr dicke Säuglinge als früher.
In ihrem Vortrag zeigten Patrizia Gruber, Christiane Schwarz und Kathrin Ruff drei Perspektiven auf die Forensik auf und beleuchteten ein Spannungsfeld, in dem die Grenze zwischen Wissenschaft und Ideologie offenbar nicht immer eindeutig zu ziehen ist.
Foto: © Stephanie Joedicke / DHZ
Allerdings sei in Bezug auf ein mögliches Missverhältnis von Fetus und Becken auch die Relation zu betrachten. Das Neugeborene einer großen Frau könne physiologisch rund 500 g mehr wiegen als das einer kleinen. Für den Kopfumfang merkte sie an, dass das stets erhobene Hutmaß eigentlich nicht so interessant sei wie der etwas kleinere Austrittsumfang, der vom Unterrand des Hinterkopfes über die große Fontanelle bis zur Stirnregion verläuft. Doch auch diese Maße seien bestenfalls Zeichen für eine perfekte Anpassung an den Geburtsweg. Spannend war noch, dass eine Meta-Analyse von 2023 keinen Zusammenhang von Geburtsgewicht und Kopfumfang zwischen den Gruppen mit und ohne Spinkterverletzung bei der Geburt zeigte. Trotzdem ihr Rat: Den Fokus mehr auf den kleinsten Austrittsumfang des Kopfes legen, um Verletzungen zu verringern.
Medizinrecht und Ideologie
Der zweite Tag begann mit Statements der drei Hebammen Patrizia Gruber, Christiane Schwarz und Kathrin Ruff rund um die Forensik, in der die Grenze zwischen Wissenschaft und Ideologie offenbar nicht immer eindeutig zu ziehen ist: »Ich habe Recht! Zwischen Forensik, Wissenschaft und Ideologie«. Als Sachverständige mit einem Master in Medizinrecht zeigte Patrizia Gruber anhand verschiedener Fälle engagiert, wie schwer Verläufe manchmal zu beurteilen sind, wenn Hypothesen aufgestellt werden, deren Beurteilung selbst oft nur hypothetisch bleiben kann und von der jeweiligen Profession und Einstellung der Gutachter: innen abhängt. Es wurde deutlich, wie komplex und anspruchsvoll eine evidenzbasierte, wissenschaftlich fundierte, nachvollziehbare, objektive, fachgerechte und leitlinienbasierte Kausalitätsbegutachtung eines Falles ist. Es müsse auch jeweils genau eruiert werden, wie der Fachstandard zum Zeitpunkt des aufgetretenen Schadens war.
Besonders schwierig ist dieses in Übergangszeiten, in denen sich die wissenschaftliche Erkenntnis gerade verändert. Gruber merkte an, dass bereits Erasmus Darwin 1801 empfohlen habe, mit dem Abnabeln zu warten, bis das Kind geatmet hat und die Nabelschnur auspulsiert ist. Heute sei wissenschaftlich belegt, wie wichtig das späte Abnabeln sei, und trotzdem werde es nicht allerorts gemacht. Man könne sich hier bei einem Schadensfall dann also nicht auf eine Übergangszeit von 225 Jahren berufen – so Gruber mit ihrem großen Sinn für Humor. Gruber riet, sich bei einem Schadensfall kollegiale Unterstützung zu holen bei der PSUHELPLINE der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtpflege (BGW).
Dr. Christiane Schwarz erläuterte anhand der Geburtsleitung bei Schulterdystokie, wie sich das Wissen über Jahre komplett ändern kann: Die früher empfohlene Überdrehung des kindlichen Kopfes gilt heute als obsolet. Eine Frage aus dem Publikum kam, ob denn die S3-Leitlinie »Vaginale Geburt am Termin«, an der Schwarz mitgearbeitet hatte, für ein Gutachten herangezogen werden könne, obwohl sich viele Chefärzt:innen davon distanzieren würden.
Die Überarbeitung der Leitlinie sei fast fertig, so Schwarz, und ja, sie habe Bestand. Sie wies noch auf eine Diskussion in England hin: In einem Artikel in The Times hatte der frühere Gesundheitsminister Jeremy Hunt behauptet, dass medizinische Interventionen in der Geburtshilfe zu oft unterlassen würden und dass es dadurch zu vermeidbaren Todesfällen gekommen sei, die Überschrift: »Normal birth ideology is killing babies« (siehe Link). In diesem Jahr gab es nun eine große National Maternity and Neonatal Investigation, die keine Belege dafür fand (siehe Link). Allerdings: Kurz vor der Veröffentlichung trat der Geburtsmediziner Bill Kirkup zurück, weil angeblich eine Passage zu den Gefahren einer Förderung der vaginalen Geburt entfernt worden sei. Resümee von Schwarz: »Wir müssen aufpassen.« Ideologien seien sowohl eine übertriebene Apparatemedizin wie auch die Verklärung der Geburt zu einem risikolosen Naturereignis (vgl. Sudholdt, 2026; Barop, 2026).
Beckenendlagen sind anders
Viel Beifall erhielt Prof. Dr. Katrina Kraft, Chefärztin der Geburtshilfe in der Frauenklinik Dr. Geisenhofer in München, für ihren Vortrag »Das Kind liegt nicht falsch herum! Umdenken in der Betreuung von Beckenendlagen «. Sie hat sich auf die Spontangeburt der Beckenendlage (BEL) spezialisiert und würde den Frauen nie sagen, dass ihr Kind »falsch herum« liege, sondern nur »anders«. Sie las Zitate von verunsicherten Schwangeren vor, denen von einer Spontangeburt abgeraten wurde. Ohne belegbaren Grund, so Kraft. Ihr Ziel ist, Frauen zu empowern und ihnen eine normale Geburt ermöglichen – wenn die Maße, die sie ganz genau und mehrfach erhebe, kein Missverhältnis zeigten. Zeit sei ein wesentlicher Faktor.
Sie entwickle die Kinder sehr schnell, mitunter in zwei Minuten. Wenn der Rumpf geboren sei, komme es oft zu einer sekundären Wehenschwäche, bis zur nächsten Wehe würde sie dann eben nicht warten, sondern die Frau trotzdem pressen lassen, länger als sieben Minuten toleriere sie nicht. Der Vierfüßlerstand sei bei einer solchen Geburt oft gut, aber keine Regel. Und es gebe einiges zu beachten: Cave bei einer dorsoposterioren BEL und Mehrgebärende seien keine Selbstläufer. Spaßhaft lud sie alle Schwangeren mit Beckenendlage zu sich nach München ein, wo sie im benachbarten Englischen Garten campieren könnten. So etwas hat es tatsächlich schon gegeben: In den 1980er Jahren in Dachau, wo immer mal wieder Schwangere auf dem Parkplatz »wohnten«, um dort im Kreiskrankenhaus in den Genuss der damals seltenen »Natürlichen Geburt« nach Michel Odent zu kommen. Krafts Wunsch: Positive BEL-Geburtserlebnisse kommunizieren.
Prof. Dr. Annette Müller erläuterte, welche Erkenntnisse die pathologische Untersuchung der Plazenta zu akuten Ereignissen unter der Geburt, Wachstumsstörungen und dem Rezidivrisiko in Folgeschwangerschaften liefern kann.
Foto: © Alessandra Scheede / DHZ / DHZ
Pathologie und Notfälle
Prof. Dr. Annette Müller gründete 2018 als Kooperationspartnerin der Uniklinik Köln eine eigene Praxis mit dem Schwerpunkt auf Kinderpathologie. In ihrem ausführlichen Vortrag über »Erkenntnisse aus dem Plazentalabor« erläuterte sie, was man anhand der pathologischen Untersuchung der Plazenta erkennen kann: Gründe für akute Ereignisse bei der Geburt, wie eine plötzliche Hypoxie, für chronische Befunde etwa bei einer intrauterinen Wachstumsretardierung aufgrund einer vaskulären Malperfusion.
Wichtig sei auch die Entzündungsdiagnostik, denn sie sei vor allem bei chronischen Entzündungen wie der chronischen Intervillositis relevant für das Rezidivrisiko bei einer Folgeschwangerschaft Müller erklärte auch die physiologische Zottenentwicklung, die in verschiedenen Schwangerschaftswochen ganz charakteristische Merkmale habe, weshalb bei der Einsendung der Proben genaue Zeitangaben seien: Nur in Relation zur Schwangerschaftswoche lasse sich eine zeitgerechte oder retardierte Zottenentwicklung erklären.
Mitunter könne eine pädiatrische Bedeutung erst nach Jahren wichtig werden, wenn neurologische Entwicklungsstörungen des Kindes auftreten, dann könnten Plazentabefunde eine Haftungsrelevanz erlangen. Gründe, wann eine Plazenta genauer untersucht werden sollte, liefert die S2k-Leitlinie Plazentamorphologie (AWMF-Registernummer 035–005): zum Beispiel hypertensive Schwangerschaftserkrankungen, Infektionen, Früh- und Fehlgeburt, vorzeitige oder gestörte Plazentalösung, mekoniumhaltiges Fruchtwasser, Reanimation des Kindes, Hydrops fetalis, Mehrlinge, fetale Anämie, Sepsis, Tod der Mutter oder des Kindes. Seitdem die Hebamme und Pflegewissenschaftlerin Kirsten Hagedorn es einmal erlebte hatte, dass ein unauffälliges, bis soeben rosiges Neugeborenes auf dem Bauch der Mutter plötzlich kollabierte, hat sie sich dem Thema Sudden Unexpected Postnatal Collapse (SUPC) verschrieben: »Einen seltenen Notfall im Blick: der unerwartete Kollaps eines Neugeborenen nach der Geburt«.
Daniela Erdmann stellte das Konzept des Safety-Netting vor und betonte, wie wichtig es ist, Warnzeichen im Wochenbett zu erkennen und elterliche Beobachtungen ernst zu nehmen.
Foto: © Alessandra Scheede / DHZ / DHZ
Im Unterschied zum Sudden Infant Death Syndrome (SIDS) treffe es wache Kinder und außerdem in den ersten sieben Lebenstagen, das Risiko sei in den ersten vier Lebensstunden besonders hoch. Zur Pathophysiologie dieses kardiorespiratorischen Kollapses gebe es verschiedene Hypothesen, von Bradykardie über Infektion bis zum Stoffwechseldefekt Butyrylcholistenerase. Sie wies auf die konkreten britischen Handlungsempfehlungen hin, die scheinbar als einzige ein umfangreiches Paper dazu entworfen haben.
In diesem SUPC Risk Reduction Pathway stehen beispielsweise Warnzeichen wie Zyanose, fehlende Erweckbarkeit und auffällige Atmung. Auch die Hebamme Daniela Erdmann wies in ihrem Vortrag über »Kritische Ereignissen im Wochenbett« auf eine britische Leitlinie hin, die NICE-Guideline 194, die sich mit »Postnatal Care« befasst und in diesem Jahr aktualisiert wurde. Safety-netting heißt diese Sicherheitsstrategie, bei der Eltern in Beratungsgesprächen nach der Geburt auf mögliche Warnzeichen hingewiesen werden. Erdmann betonte, dass Berichte der Eltern unbedingt ernst genommen werden müssten. Sie bietet auch ein Webinar zum Thema an (siehe Link). Es war ein überaus informativer Kongress mit kurzweiligen Vorträgen sowie vielen spannenden Begegnungen. Feedback ist ausdrücklich erwünscht – auch für die Vorbereitung des nächsten DHZ-Congresses, der 2027 online stattfindet.
Jetzt weiterlesen mit DHZ+
1,- Euro für 4 Wochen
- freier Zugriff auf alle DHZ+-Artikel auf staudeverlag.de/dhz
- inkl. aller ePaper-Ausgaben der DHZ und der Elterninfos
- Zugriff auf das DHZ-Archiv auf dhz.de
- jederzeit kündbar













