Illustration: © Melanie Garanin

Alle Hebammen, die Geburtshilfe machen, kennen den Spagat zwischen den begrenzten Ressourcen, alltäglichen Belastungen und den eigenen Ansprüchen an die bestmögliche Ver­sorgung der Betreuten. Hebammen sind diejenigen, die meist am direktesten mit der Frau, dem Paar und den Kindern arbeiten. Beleghebammen haben dabei auch den wirtschaftlichen Druck im Rücken, angestellte Hebammen häufig strukturellen Mangel und mehr oder weniger starken Personalnotstand. Dazu kommen Wochenend- und Schichtdienst oder Krankheitsvertretungen.

Viele Hebammen – gerade in der klinischen Geburtshilfe – sind am Ende des Dienstes einfach froh, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Und nicht selten frustriert darüber, dass es nicht zu mehr gereicht hat: etwa angemessene Zeit für die werdenden Eltern, eine positive freundliche Grundstimmung, wenn sie die Leute an der Kreißsaaltür begrüßen, oder ein ruhiges Vorbereiten eines Geburtsraumes, den ein Paar gleich beziehen wird. Praktische Hilfen wie eine zugewandte Massage, Achtsamkeit bei der Wortwahl, wenn die Frau an ihre Grenzen kommt oder Ängste sie zu überwältigen drohen. Die Ruhe, frühzeitig zu helfen und das Richtige zu sagen, wenn Geburten sich in eine ungünstige Richtung bewegen oder ein Notfall abläuft. Gebärende und Begleitpersonen verzeihen vieles, wenn sie sehen, dass Hebammen viel zu tun haben, auch zu anderen Frauen gehen und sie auf Hilfe warten müssen.

Am meisten belastet es Frauen beim Gebären wohl, wenn der Stress der Hebamme es dieser nicht mehr möglich macht, immer freundlich und empathisch zu sein, bedacht und positiv zu kommunizieren. Oft sind das die Dinge, die Gebärende sie bei schweren Verläufen am stärksten verunsichern oder verletzen.

Dabei hat es jede Frau verdient, in einer solch extremen Ausnahmesituation wie einer Geburt mit Klarheit, vor allem aber mit radikaler Zärtlichkeit betreut zu werden.

Wie gut, dass Hebammen oft genau aus diesem Grund ihren Beruf gewählt haben.

Zitiervorlage
Franke, T. (2026). Radikale Zärtlichkeit. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 78 (4), 96.
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